Pause.
Dann fuhr Ginstermann ganz von selbst fort:
„Ich komme einen dunklen Weg. Niemand könnte das fassen, selbst wenn man es ihm erzählen könnte. Niemanden kann man es erzählen. Man müßte keine Scham mehr haben. Ich habe das Bewußtsein, daß Tausende in dem schwarzen Sack stecken geblieben und nicht mehr ans Licht gekommen wären. Ich kann Ihnen nichts sagen. Nehmen wir an, ich sollte erzählen, ich schlich mich in die Ställe und stahl den Kühen die Rüben aus den Barren — so könnte ich höchstens sagen: dann und wann hat es mich auch gehungert. — — Hunger und Durst ist das wenigste. Mit dem Stolze eines Königs geboren zu sein und die Demütigung eines Bettlers ertragen zu müssen, ist schon schwerer. Aber bei all der Misere, Sehnsucht nach Glück und Licht und Liebe und all das Ungegorene mit sich schleppen zu müssen, das ist keine Kleinigkeit. Ich kann Ihnen nichts sagen, niemand sagt das. Es ist vorbei und heute lache ich darüber. Sie ahnen ja nicht, was alles an Herrlichem und Leuchtendem auf dem dunklen Sumpfe schwimmt. Im allgemeinen ist auch nichts dahinter. Es ist eine Vergünstigung des Schicksals. Was ist dabei, Tausende erleben dasselbe, es ist keine Tat. Man blickt ein bißchen ins Leben, sieht dem Schicksal etwas bei der Arbeit zu. Man lernt das eher begreifen, was andere später begreifen müssen. Der Mensch ist nichts, wird nichts. Mysterien walten über uns, wir nennen sie Schicksal. Schicksal ist alles. Das Schicksal hockt und lauert. Irgendwo hockt es und lauert.
Einer geht seine Straße und denkt, ich bin gefeit. Er geht sorglos. Andere sieht er fallen, er ist gefeit. Er geht sorglos. Aber hinter dem 121. Kilometerstein hockt sein Schicksal und lauert. Es haut ihn zusammen. — O, der Mensch ist ohnmächtig, das lernt man. Und für diese Ohnmacht möchte er sich rächen und deshalb ist er schlecht. Wir nennen es so. Aber das kümmert das Schicksal nicht.
Es zieht Furchen in den Sand, wie die Kinder, die spielen, und setzt die Menschen hinein: hier mußt du laufen, hier du. Es drückt ihm die Hirnschale ein, es reißt ihm einen Fuß aus. Er krabbelt weiter. Aber da kommt einer daher, dessen Weg den seinen kreuzt, der hat die Kunst gelernt, Hirnschalen zu flicken, Beine einzusetzen. Das nennt man Glück. Aber dieser Wunderdoktor kommt selten. — Und dabei all unsere Sehnsucht, unsere kindische, göttliche Sehnsucht — —! Glauben Sie nicht, daß das alles Unsinn ist, es ist manche Wahrheit darin.“
Er nahm eine neue Zigarette aus dem Etui und sagte lachend:
„Nun will ich Ihnen mal etwas Lustiges erzählen. Einmal war ich Erdarbeiter bei einem Bahnbau im Gebirge. Die Arbeit tat meinem Körper sehr gut, den Feierabend benutzte ich dazu, zu schreiben. Ich setzte mich in den Wald und schrieb. Oft schrieb ich in der Mittagspause, in glühender Sonne, während die anderen auf dem Gesichte lagen und schliefen. Des Nachts schrieb ich in der Baracke, in der über fünfzig Leute schliefen, bei einem Stumpen Licht. Ich mußte mich in acht nehmen, denn sonst setzte es Spott und Prügel. Es waren gute Kerle, trotzdem sie roh waren. Sie litten an Elend. Sie litten auch noch an etwas anderem. Deshalb betranken sie sich, deshalb fluchten sie, sie wußten es aber nicht. Sie hatten ein zottiges, irrsinniges Tier in sich, das immerzu im Kreise ging. Das war ihre Seele, ihre geschändete Seele. Einmal nun erwischten sie mein Buch. Es war ein dickes Notizbuch. Einer, ein dicker, runder Bursche mit dem Gesichte eines Metzgerhundes las es vor. Bei jedem Worte wieherte die Bande. In der Ecke da saß ein Schwindsüchtiger mit herabhängendem Chinesenbart, der machte aus jedem Worte eine Zote. Da kam nun einer im Buche vor, der denselben Vornamen hatte wie einer meiner Kollegen. Das gab Hallo. Und als etwas Abfälliges über ihn gesagt wurde, schrieen alle: Schlage ihn tot! Der, ein bärenhafter Kerl stieg über eine Kiste und schlug mich auf den Kopf, daß ich umfiel. Es war nur Scherz. Die anderen stießen mich herum wie einen Fußball. Natürlich nur Scherz. Schließlich wollten sie mein Buch zerreißen und es mir zum „Fressen“ geben. Aber ein alter Arbeiter stand auf und sagte: Nein! Sonst nichts. Da warfen sie es mir ins Gesicht — ich habe noch heute die Schrammen unter dem Auge — und ich hatte es wieder. — Ist das nicht kostbar? Ich könnte Ihnen eine Menge solcher Geschichten erzählen.“
„Nein, bitte, nein, ich habe an dieser einen genug.“
Ginstermann erwiderte: „Sie haben recht, wozu auch immer schwätzen.“
„Ich höre Sie gerne erzählen, aber so bittere Geschichten machen mir keine Freude. Und von solchen Leuten —“