„Nein, sagen Sie nichts über diese Leute, Sie sollten sie kennen. Später da dichtete ich ihnen Lieder. Revolutionäre, sehnsüchtige. O, Sie hätten sie sehen und hören müssen, wenn sie sangen. Eine Seele waren sie, ein Haß, eine Klage. Es war, um in den Wald zu gehen und zu weinen.“
Er lächelte und fuhr in anderem Tone fort: „Nun habe ich noch eine Geschichte für Sie gefunden. Das war in Ungarn. Ich schrieb da in einem kleinen Bureau. Da lernte ich ein Mädchen kennen. Sie hatte so gute Augen, daß ich es wagte, sie anzusprechen, als es niemand bemerken konnte. Dann mußte ich fort und sie erlaubte mir an dem und dem Tage an das Gitter ihres Gartens zu kommen, um ihr Adieu zu sagen. Ich kam. Es war bitter kalt. Sie hatte noch zwei Schwestern dabei, die ihr so ähnlich sahen, daß man sie für Abzüge einer gleichen photographischen Platte hätte halten mögen. Sie gab mir die Hand zum Gitter heraus. Dann ging sie zu den Schwestern zurück. Sie standen in einer Reihe auf einem Hügel. Und plötzlich zogen sie etwas aus der Tasche und drei goldene Bälle flogen durch die Luft. Orangen. Sie taten es mit der gleichen Bewegung und riefen dabei ein und dasselbe ungarische Wort. Ich verstand es nicht. Ich habe es auch vergessen und nur, wenn ich sehr heiter bin, so klingt es mir in den Ohren. Dieses ist mein schönstes Erlebnis.“
Fräulein Schuhmacher lächelte. „Es ist schön, so wie Sie es erlebten,“ sagte sie. „Vielleicht finden Sie noch eines?“
„Nein, nein. Es ist genug. Wieviel habe ich heute nur gesprochen. Ich sprach in drei Jahren nicht soviel. Tatsache. Und das ist nicht richtig. Wir sollten stumm gehen und lauschen und sehen, sehen und lauschen, und uns über das herrliche Dasein freuen.“
„Finden Sie es so herrlich?“
„O ja, sehr.“
Sie schüttelte den Kopf. „Ich verstehe Sie nun nicht.“
„Wenn ich Ihnen erklären sollte, weshalb ich das Leben herrlich finde, so müßte ich Ihnen wiederum eine lange Rede halten, und das wollen wir nicht.“
„Ich bitte Sie darum.“
„Schön, wenn Sie es wollen. Nun ich meine, es gibt doch unzählige Freuden und Herrlichkeiten. Da gibt es schon ganz einfache Dinge. Z. B. ich stelle mir rot vor. Rot. Das ist herrlich. Oder ich mache die Augen auf und sehe irgend etwas. Diese Baumgruppe, dieses Kind dort auf dem Wege, eine Fliege. Ist das nicht schön? Man zirpt an eine Saite, und das ist schön. Ich spreche noch gar nicht von Musik, von Kunst! Man kann tausendfältig genießen, wenn man seine Sinne nicht verschließt. Alles wird Erlebnis, das Kleinste. Hier ist es ein schön gesprochenes Wort, da ein kluges Vogelköpfchen, und so fort. Und nun kommen erst die eigentlich seelischen, die aus den Beziehungen von Mensch zu Mensch entstehen. Sie gehen über die Straße — wozu Worte! Und dann ist es der Schmerz, die Sehnsucht, die Arbeit, die Freude und das Erwarten eines besonderen Glückes, ohne das niemand leben würde . . .“ — —