In diesen Tagen und Nächten aß Helena Karachan zum Entsetzen. Ja — auch in den Nächten. Verweigerte ihre gewohnten Schlafdroguen. So saß sie bei gelöschten Lampen im Mondlicht, den Kaftan aufgerissen und schlang in Verzweiflung, bis fahles Frühlicht um die grauen Reste der Schüsseln lag. Keine Stunde Ruhe mehr den müden, entstellten Organen, als wolle sie sich von innen heraus zerreißen um jeden Preis.
Es war da nämlich noch eine Person vorhanden, die darauf sah, daß keine Betäubungsmittel, gegen der Fürstin Willen, den Speisen beigemischt würden: Ithnan, ihr georgischer Diener. Auf seiner ganzen Haut empfand er jeden Wunsch der Herrin. Ließe sie ihm den Kopf abschlagen, Hände und Füße dienten ihr noch nach. Manasse und Dr. Sobelsohn achtete er unreinen Tieren gleich. Letzterer verdiente Unsummen in dieser Zeit, ließ aber doch den Plan, sich ein zweites Konto in der Schweiz eröffnen zu lassen, weise und resigniert fallen. Stand eben von früh auf dem Boden der Tatsachen, seinem einzigen Heimatboden, wußte: bald versiegte der Segen. Die Fürstin sollte geheilt werden.
„Geheilt?“ frug Horus ungläubig-froh.
„Von der Freßsucht, ja — dafür steh ich gut.“
„Warum ist es dann nicht längst geschehen?“
Er wurde erregt:
„Wie soll es geschehen sein, wo sie sich wehrt wie me ... närrisch,“ verbesserte er, „und bis jetzt mit Erfolg, — Gewalt? — Nu, ma scheut vor Gewalt. Unter Kuratel? Gewiß Kuratel. Solang aber nicht unmittelbare Lebensgefahr besteht, was hat man davon? Keine gesetzliche Handhabe. Jetzt endlich, bei der fortschreitenden fettigen Degeneration aller Organe, hat er ein Machtwort gesprochen, der Großfürst. Kommt herauf mit einem berühmten Operateur aus Deutschland. Jener wird es machen auf seiner Klinik. Aber erst soll die Kapazität sagen — sie wird schon sagen,“ fügte er resigniert hinzu.
„Und warum ist denn die Fürstin so verzweifelt dagegen?“
„Nu, Sie kennen doch die Voreingenommenheit der hohen Frau gegen unsre Wissenschaft — rein pathologisch zu werten natürlich; wie soll man noch auf ihre Meinung geben über Medizin, wo sie doch ganz degeneriert ist durch die Totalexstirpation? Hätt’ sie sich wenigstens den Eierstock von einer Ratte einsetzen lassen, könnt man noch reden — aber so! Sehen Sie mich an; reg ich mich auf bei ihren Gehässigkeiten? Konträr! — Objektiv bleib ich als Fachmann. Nu, die Heilung: sind da Details, an denen der Patient selbst sich manchmal ein bissele stößt. Die Fürstin, sie kennt sich aus, man kann ihr da nichts vormachen, wie sonst aus Humanität geschieht. Aber eine glänzende chirurgische Leistung — ich sag ihnen glänzend,“ er wuchs immer höher, ein ferner Schein fiel auch auf ihn, den schlichten Internisten.
„Sie sind Laie, also Ihnen populär gesagt: der Magen wird künstlich verengert und gewisse Nervengruppen in der Weise gereizt, daß künftig keinerlei Speise — zu deren Aufnahme der pathologische Hang drängt — mehr behalten wird, sondern unter dauerndem Ekelempfinden erbrochen; das ist das Entscheidende,“ fügte er triumphierend hinzu. „Der Patient ist somit dauernd geheilt und wird von nun an künstlich ernährt.“