Der Speisesaal, ein weißlich-grauer, stellenweise geplatzter Darm aus Stuck, in dem vergoldete Putten mit durchgewetzten Nasen, staubiges Barockobst und andern trübseligen Kram gestreckten Armes von sich abzuhalten suchten, schien mäßig voll.
Als Gargi ungemein und fremd — in der fernen Tadellosigkeit ihrer Bondstreet- und Darjeeling-Atmosphäre an der Tür erschien, brach alles jäh ab: Schmatzen, lautes Verhandeln mit den Kellnern. — Man starrte, vagen Hohnes voll, aber noch unsicher. Da stand eine Stimme laut und vernehmlich in der Stille auf: „Wo is denn die auskummen?“
Der Bann war gebrochen. Weithinschallend setzte Austausch der Ansichten über jedes Detail an Körper und Haltung der Einsam-Fremden ein. Die von der Statthalterei streckten in den Falten brüchige Lackstiefeletten ein wenig in den Weg, wo sie vorüber mußte — andre, ironisch höflich ausweichend, markierten durch plötzlich übertriebene Schmalheit Furcht vor Berührung. Aus einer Gruppe zerronnener Frauen starrte der einzige Mann der Gesellschaft, da sie vorbeiging, ihr schamlos ins Gesicht. Seine Begleiterinnen lauerten, dann — in der Fremden Rücken irgendein erotisch-abfälliges Wort, das ähnlich wie: „Nix zum Anhalten“ klang.
Jetzt wieherte es befreit hinter ihr auf, spritzte förmlich tief aus erlöster Galle. Nein, Gott sei dank, der Trottel hatte also nichts bemerkt, oder es galt eben auch nichts bei Männern: dies Reinumrissene, Schmal-klare, vor dem sie alle sich einen Augenblick bedroht gefühlt in ihrem schwammigen Bestand.
Gargi, um die Marter abzukürzen, ging auf das erste freie Tischchen zu, doch des Kellners erotischer Typus: die Vally Feschak aus der „quo-vadis“-Bar und Tochter der Abortfrau, war eben ganz anders und so drehte er blitzschnell den Stuhl um: „beseeezt biede“. Beim zweiten, beim dritten Tisch das Gleiche. Alles blickte gespannt auf den beliebten Hofrat und Feuilletonisten. In seinem Ressort hatte er sich einen geachteten Namen erworben, als Vorkämpfer einer Verordnung, die Briefkästen zwischen neun Uhr abends und sechs Uhr früh abzusperren. Im Nebenberuf goß er aus der Sulze seines Hirns in Förmchen erstarrte hors d’œuvres als Extrafraß für Sonntagsleser. —
Infolge des vorhergegangenen Doppelfeiertages aber war der Witzbold ausgeronnen.
Nichts kam heraus.
Der Saal war reichlich durchsetzt mit entrassten Semiten. Durch slowakische oder lokale Schutzfärbung schienen sie bereits stark an Virulenz und Beweglichkeit eingebüßt zu haben, während hinwiederum die stagnierenden Unarten der neuen Umwelt durch sie abgerundet und wärmer belebt wurden.
Über dem Ganzen lag etwas von der Schamlosigkeit typisch europäischen Familienlebens: dieses pausenlosen Beieinander in hemdärmliger Geringschätzung. Fremde gab es hier offenbar keine — oder doch? War das nicht der Herr aus Braila, dessen gerundete Handbewegungen immer noch liebevoll die Qualität der Schweinsbohnen abzuwägen schienen, indes seine Äuglein wie Läuse über alles hinkrochen? — Der war da.
Nun hatte er Gargi Elcho erkannt, zog höflich das Dessertmesser aus dem Schlund und erhob sich, ihr Platz zu machen. Der Kellner, er hatte nicht mehr Zeit gefunden, sein „beseezt biede“ herzumeckern, beeilte sich, ihr alle Speisereste vom Tisch in den Schoß zu wedeln und verkündete mit Genugtuung, daß Rindfleisch aus sei und Schlußbraten auch nur mehr ganz vom Schluß. Gargi bestellte Reis und Früchte, jedoch so leise, daß der Kellner erst von Tisch zu Tisch es melden mußte. Hierauf ging das noch immer lauernde Grinsen kugelwellig ins Hämische über. — Nebenan, in einer Art Ehrenecke, wurde plötzlich ostentativ französisch gesprochen. Vielleicht hielt man die Fremde für eine exotische Pariserin und wollte nicht verstanden werden. Denn es war das ein gar skurriles Französisch: Kreuzung aus Ollendorf und dem spanischen Erbfolgekrieg — untermischt mit „Jalousie“ und „Lavoir“ — lauter Bezeichnungen, seit zwei Jahrhunderten keinem Franzosen mehr geläufig.