„Arbeit? Was ist Arbeit? Der chinesische Weise Schun saß die größte Zeit seines Lebens unbeweglich nach Süden gewandt und lächelte. Da blieben die Jahreszeiten in ihren Grenzen, alle Gatten liebten einander, der Sohn des Himmels wurde erleuchtet und — alle Beamteten pflichttreu und unbestechlich.“

Wäre dieser kleine Doktor Eskenasi nur nicht so maßlos feig gewesen. Seinem Lebensüberdruß hielt panischer Schreck vor dem Tod die Wage. Die Jahre waren ihm pausenlose, fressende Angst, das Sonnensystem geriete auf seinem Flug durch unbekannte Welträume doch einmal unversehens in eine riesige Wasserstoffblase und dadurch in Brand. Jedes Wissensgebiet erschloß immer neue Gefahren. Endlich hatte er sich ganz auf die Malerei, als relativ unbedrohlich, zurückgezogen, fühlte sich: der zweidimensional Organisierte, hier unter Blinden, die gut hörten, schon als König; stieg manchmal sogar in die dritte Dimension auf und sagte dann: Palladiesk oder Brunellescesk. Angst, die ihn nie ganz verließ, nahm in der Kunst die Form der Kitschpsychose an, um manchmal an ganz unvorgesehener Stelle auszuschwären.

„Wäre der Durchschnitt: was man so in Kaffeehäusern und Gesellschaften trifft, wie dieser Herr von Goethe, den ich jetzt lese, ließe sichs in Europa leben,“ bemerkte Horus eines Tages, von der Farbenlehre aufsehend.

Eskenasi hob angeekelte Hände der Abwehr. War er beleidigt? Versöhnend frug Horus dem Kleinen in die Augen:

„Wäre das denn wirklich so viel verlangt? Ich meine natürlich als menschliche Persönlichkeit, von dichterischer Spezialbegabung abgesehen: ein heller älterer Herr von durabler Einsicht, weil das Auge ihr geleuchtet, mit gepflegten Umgangsformen, allem Wertvollen offen, leider mathematisch und musikalisch wenig begabt. Alles in allem: ein Vollsinniger. Einer, der Raum und Zeit hatte, ein ganzer Mensch zu sein, daher vielleicht das Aufsehen hier.“

Eskenasi drängte offensichtlich vom Thema Goethe ab:

„Die Wirtschaft kann sich das heute nicht mehr leisten, oder wie ein sehr Kluger jüngst schrieb: „An einem ganzen Menschen hätte sie zuviel Lagerverlust.“

„Ach so, ich verstehe: ein linker Hirnlappen, ein Paar Pratzen, jedes für sich, fügt sich besser, weil pausenlos, dem Betrieb ein. Bleibt die Frage: ist das Leben für die Wirtschaft oder die Wirtschaft für das Leben da? Mich amüsierte immer, wenn in Deutschland solch linker Hirnlappen, war er zumal technisch verkollert, sich glühend wünschte, ein Großer früherer Zeiten, am liebsten Goethe, weil er den für einen Monisten hält, kehrte wieder, er aber sei ihm Führer, vergönne dem alten Herrn den Anblick, wie herrlich weit man’s gebracht. Wie er dann schon beim Aussteigen am Gleisdreieck zu Berlin anfinge, den Faust umzuarbeiten, ihn gleich im ersten Teil Wasserbauingenieur werden ließe, statt erst am Schluß des zweiten.“

„Bitte nichts vom Faust,“ wehrte Eskenasi ab, mit einem Gesicht, ganz wie Samossy, das arme geniale Roßwesen, bei Schillers Namen.

„Dieser Schluß“ — er wand sich vor Ekel — „wie ein schlechtes Barocktriptychon komponiert: rechts und links als bewegliche Flügel die süßlich gedrehten, himmelnden Patres, erträglich nur der quere Durstrahl durch das Ganze: neige Du Ohnegleiche ... gnädig meinem Glück.“