„Den Schild der Armut über die Schätze des inneren Lebens halten.“
Jeden Morgen gab Gabriel zehn Kronen für den Haushalt, um elf schon mußte das Mädchen ihm von dem Geld eine Schachtel Zigaretten zu acht Kronen holen. Sie lernte Bögen gehen um Eckladen, von Endsummen in Einkaufbüchern wegschauen, erst auf den zweiten, dritten Blick sich nahewagen, vor dem Kohlenmann in den Platzregen entweichen. Dabei glaubte man sie reich, den ländlichen Taubenschlag eine Inseparablelaune der einzigen Tochter aus vermögendem Haus. Sibyl merkte, wie alles sie langsam abzutreiben versuchte vom pfeilrechten Stolz, und blieben Geldfragen zwischen den Gatten auch ignoriert, zuweilen glitten Gabriels Augen des Illuminaten in der Haut einer Hostie doch so wartend erstaunt über sie hin. Wenn er nur nicht anfing, den Zauber nicht bräche. Überwand sich schließlich aus Angst, er könne es doch noch fordern, kam ihm zuvor, ging zu dem alten Familienanwalt, der sie als Kind auf dem Arm getragen:
Aber natürlich. Das kleine Vermögen mütterlicherseits war seit der Großjährigkeit fällig. Man würde die Herausgabe brieflich von Papa verlangen. Da kam er auch schon gekrochen, die starren Glasaugen aus ungeheurer Macht würdelos vor Einsamkeit. Aber es war zu viel, es war zu viel gewesen. Das, was man fieberhaft gern geküßt, mit den graublonden Wellen über der Stirn voll trotziger Falten, lag längst mitverkohlt im hellichten Haßstrahl von damals.
Was blieb: ein fremder alter Mann — sonst nichts.
„Komm mit,“ bat Gabriel, aus monatelangen Versunkenheiten aufschreckend zu seinem periodischen Anfall wahllosen Menschenhungers, und wies eine Einladungskarte.
„Ich kenne diese Hersons doch gar nicht. Übrigens, welch ein Name, — so heißt man doch nicht ganz von selber?“ Weder deutsch, noch englisch ist es.
„Dein hellsichtiger Hochmut! Immerhin, der Sprößling vom alten Leiser Herschsohn ist bereits in Eton erzogen: Gelehrter, Sportsmann, Weltmensch, gegenwärtig Professor in Cambridge — kann noch Vizekönig von Indien werden.“
„So,“ sagte Sibyl. „Dieser Ralph Herson.“
Der alte Bankier begrüßte jeden, ganz fahrig vor Glück.
„Mein Sohn ist zu Besuch!“ Und zitterte. Saß sonst mit einem schwarzen Seidenkäppchen auf dem Eierschädel und verachtete alle seine Gäste. „Wer schon zu mir kommt ...“ Spitzte höchstens ein Ohr, fiel irgendwo das Wort „Million“.