In der Bibliothek staute es sich heute interessiert, alle horchten, einer sprach: ein dunkler großgewellter Greifenkopf auf eher kleinem, überaus wohl gebautem Körper. Warmes Wogen ging in die Luft über von diesem Haar, durch das ein weißer Strähn, wie der Montmorencys silberte. Die Augen, gleich braunen Beeren, von denen das eine größer war, spannten sich in ewig wacher Vitalität.
Sibyl erschien in der Tür und es geschah wie immer: alles wandte sich und starrte. Auch aus dem Schwarm um Ralph Herson stieß es sich jetzt ab, und wie ein gesträubter Kometenschwanz ihr zu.
Einen Augenblick standen er und sie, von Augen umklammert an den zwei Enden eines leeren Luftstrahls. Man sah sein Herz im Halse. Dann war es, als nehme er seine ganze magnetische Vergangenheit zusammen, würfe sie über die Frau. Sie stand, mit seinem Fluidum übergossen. Es flutete an ihr hinauf, drang, zurückgewiesen, nicht ein, rann ab. Er senkte die mächtigen braunen Augen wie bestürzt, bewußt knabenhaft, dozierte weiter, ignorierte sie. Zog später Gabriel sehr höflich ins Gespräch, verneigte sich nur stumm vor ihr. Ließ alle Übrigen, lud das Paar zu sich in den ersten Stock, zeigte seine naturwissenschaftlichen Sammlungen, seine Bilder, das photographische Atelier. Bat kommen, Aufnahmen machen zu dürfen. Entzündete den großen Gaskamin, rückte Klubsessel, Kissen, arrogant und demütig zugleich, gab nicht Ruhe, bis er es endlich erreicht hatte:
Die jungen Sternsaphire sahen ihn an, prüfend und groß.
Er senkte den Kopf, den Wohllaut der Schultern. Hatte eine Art hinter blinden Lidern die Augen erst mit Wärme sich füllen zu lassen, dann warf er die zwei Schalen voll schwebender Minerale dem andern mitten ins Gesicht. Vor Sibyl aber ließ er es. Hob die Lider nicht mehr — leerte quasi seine ganze Macht vor ihr auf einen Gebetsteppich aus.
Nach korrekter Pause machte er seinen Gegenbesuch auf dem Lande, machte Meisteraufnahmen, ordnete Gewänder, demolierte die Wohnung, unter der schwarzen Schabracke des Stativs ein moderner fünfbeiniger Centaur. Schickte Separata seiner Arbeiten, trug seine überlegene Sinnlichkeit wie eine wabernde Toga, zeigte Menschen-, besonders Frauenmißachtung, zitternd vor Anspruch, unterstrich den Unarier, den Ungermanen, zielte wunderbar ebenmäßig gebaut auf ägyptisch-griechisch „made in England“.
Sein engeres Fach war das Tierexperiment. Er arbeitete gerade am lebenden Vogelauge, hatte nebenbei einen Python unter dem Messer, von Hunden, Katzen, Fröschen, weißen Mäusen zu schweigen, alles provisorisch in einem Pavillon des väterlichen Gartens untergebracht. Er lud sie zu einem besonders interessanten Versuch ein, wurde abgewiesen. Nahm es als Weibchenpose einer großen Fee. Sie hatten heftige Diskussionen. Sibyl leidenschaftlich, ging aus sich heraus. Er provozierte, genoß es als erlesenes Extraexperiment.
Sie blieb im Garten, angeekelt.
„Heil aus gemarterten Tieren muß letzten Endes Unheil sein. Ihr Vivisektoren vergeßt, daß Äskulap der Sohn Apollons ist. Fördert die Hartfühligkeit, wie kann da der delphische Mensch gedeihen: Einer, dessen Leib so sensitiv geworden, daß ihn schon ein Lorbeerblatt, in der hohlen Hand gehalten, hellwissend macht und heil. Lorbeermenschen brauchen wir!“
Er widersprach, hochfahrend gereizt, und unterwarf sich im selben Atem. Wer rede vom „Heilen“, das interessiere ihn nicht, aber ohne Sinnesphysiologie gäbe es kein Verständnis der tiefsten Dinge. Dazu sei die Vivisektion eine praktisch unentbehrliche Technik, genau wie die chemische Analyse, die ein Anhänger der Allbeseeltheit — er schüttelte sich vor Ekel bei dem Wort Seele, — dann allerdings auch unterlassen müßte. Er persönlich gebe zwar das Tierexperiment endgültig auf, sobald sein großes vergleichendes Werk vollendet. Laienhafte Sentimentalität dagegen wirke lächerlich. Nie hätten es Tiere in der Natur so gut, gingen so human zugrunde, würden so behandelt und gepflegt wie Versuchsexemplare vor und zwischen den Experimenten. Sie möge sich persönlich überzeugen, wie die Tiere an ihm hingen. Er pfiff. Aus dem Pavillon brach Freudengewinsel. Ein verbundener Köter kam herausgekrochen, leckte seine Hände. Er streichelte, wie das Schicksal streichelt: