Das könnte ihm gefallen, den viehischen Bruttrieb als „heilige Pflicht“ ausplärren: als weibliche „Natur.“
In der Natur kann eine Löwin ihre Jungen auffressen oder liegen lassen, ohne daß die Vormundschaftsbehörde sich einmischt, sie vor die Wahl Ächtung oder Zuchthaus stellt. Das ist Natur: frei sein, zu gebären, frei das Geborene zu vernichten.
Wie, jeder Instinkt sollte sich veredeln, erhöhen dürfen, und nur die Schwangere wahllos, bestialisch bleiben müssen? Wahlloser Muttertrieb so verächtlich wie wahlloser Geschlechtstrieb! Wie aber könnte die Ärmste echt von falsch erkennen, ehe sie den Mann „erkannt“. Da erst fällt die Maske. Erst da weiß sie, was sie empfängt.
Das Gesetz. „Wer sich Infamem beugt, wird selbst infam.“ Nein, dies Kind würde sterben, ausgestoßen werden — reuelos, sie selbst aber leben, jetzt gerade.
Und dann schlug sie das Gesicht in die Hände und hoffte, daß ihr das Herz bräche.
Wie sie crude geworden war. Wie sie sich verrohen fühlte in dieser Hölle. Wo war die Zartheit, wo die Scheu? Wo das reine und kühne junge Wesen, dem selbst im Straßenschmutz der Saum des Schuhs noch ohne Makel blieb? Das Ärgste am Unglück war nicht, daß es unglücklich, daß es so schamlos machte.
Und nun begann das Pendel langsam zurückzuschwingen aus dem höchsten Haß. Sie litt so sehr, daß sie nach ihrem eigenen Unrecht suchte.
Zwei, drei, vier Stimmen erhoben eine bebende Litanei: rechtfertigend, beschwörend, ringend, hadernd:
„Du Philosophin, du neunmal Weise. Es wird ein Mensch doch nicht plötzlich zur Bestie, zum Verbrecher?“
„Nein, denn er war es stets, läßt nur die Maske fallen, sobald nichts mehr herauszuschinden ist.“