„Und wie war das mit den freien, modernen Menschen?“
„Oh, du bist frei.“ Sie dachte: ja, vogelfrei. „Ich aber, als Grundbesitzer hier, bin von der öffentlichen Meinung in hohem Grade abhängig, brauche auch den Sindaco für allerhand Konzessionen.“
Wie praktisch, als Sturmbock gegen Weltdummheit und Bosheit benutzte er allein die Frau, ließ sich den Preis für seine Ideale von ihr bezahlen.
Zwei blaugoldene Wochen verspielte sie mit Charmion am Gardasee, gab dem Kinde ein pausenloses Fest. Ganz für sich blieben die beiden, begafft nur von morgens bis nachts, in dem einzigen Hotel des Orts von Kaum- und Halbbekannten, denn die Welt ist unerträglich eng.
Da kam eines Tages aus Genua ein Dokument zur Unterschrift, darin Ralph Herson die Vormundschaft und sonstigen Rechte an dem Kind übertragen wurden.
Sie staunte. In wenig Wochen der legitime Vater, was brauchte er noch dies?
Legte es nachsinnend beiseite, wiewohl die Unterschrift als dringend für ein nahes Datum gefordert war.
Einige Tage darauf, zur Teestunde, machte der Postbote wie immer seinen Gang von Tisch zu Tisch auf der Terrasse und reichte ihr ein Telegramm. Sibyl sah vom „Dschungl-book“ auf, das Charmion immer wieder hören wollte, prüfte den Inhalt des kurzen Klebestreifens — man starrte wie immer zu ihrem Tisch herüber — steckte ihn ruhig ein, las laut dem Kinde das Kapitel zu Ende, schickte es auf den Spielplatz, lachte ihm nach, ging schwingend über die Terrasse ins Hotel, in ihr Zimmer, fiel in einem Herzkrampf aufs Bett. Die Depesche lief:
„Amme und Kind nach Gardasee unterwegs.“
Weder Strecke noch Zug bestimmt, so daß sie hätte entgegenfahren, die Ankunft verhindern können. Und Charmion hier, von der sie bisher mit übermenschlicher Kraft diesen ganzen Schmutz weggehalten! Ihr seinen Bastard mit Amme heimtückisch herschicken, welch namenlose Niedertracht.