Eben noch, in steigernder Gewalttat, waren Vernichtung und Hoffnung einander nicht feind gewesen. Auf unbegreifliche Art hätte aus dem blauen Stecknadelkopf heraus gerade dann aller Äther noch einmal aufflammen können zu Glorie, weil in dem Blick des Sterbenden vielleicht etwas erschienen wäre, um darzutun: Auch dies sei nur ein armer, irrender Mensch.

Diesem Ende hatte sie heimlich zugehofft. Nun war der blaue Nadelkopf erloschen.

Und es ward grau. Oder war das öde Blei auf den Augen schon wieder Tag? So einer, der sich nicht aufknien kann aus dem Fahlen. An der übel grünlichen Kälte bis in die Herzkammern hinein erkannte sie: jetzt müsse der tiefste Stand des Blutes sein. Jene heillose halbe Stunde, ganz grün von verwester Nacht, wo die zähen Greise es aufgeben und sich strecken. Im Stuhl die müde Schwester nickt dazu.

Mühsam, widerwillig hob sie die zerquälten Lider. Herein schnitt das grenzenlos gemeine Hotelloch. Im Fensterviereck stand als grauer Pflasterstein die Luft.

Sibyl hielt den Atem an. Ließ das Verfaulte aus der Nacht in allen Adern sich zu Klumpen der Zersetzung stocken.

Wartete.

Da kam, erst schwach, weit herauf eine Straße ohne Anfang, Holpern eines Karrens, und auf ihm festgebunden ein Geheul.

Kein Schritt, kein Huf von etwas, das den Karren zog. Es fehlte wohl ein Rad. Der Karren hinkte.

Immer näher kam das liegende Geheul. Ein gemartertes Tier? Ein Kind? Eine Frau? Kein Erkennungszeichen mehr: die Qual hatte jede Form zerbrochen. Was vielleicht einst Merkmal gewesen: Klage, Empörung, Angst, war längst matt herabgeglitten auf die Straße ohne Anfang.

Jetzt war es da. Gerade unter dem Fenster. Da schwoll das Geheul zu einem Laut von so hemmungsloser Erniedrigung, daß das Graue aus der Luft an ihm gerann.