Points de Lille.

Eine Art Mittelstellung zwischen den Valenciennes und den Malines nehmen die Lillespitzen ein. In Lille wurde schon sehr früh geklöppelt, gegen 1600 wurden schwarze und weiße Spitzen erzeugt, dann imitierte man die Valenciennes, welche 16 000 Arbeiterinnen beschäftigt haben. Mit der großen Vogue der Malines und dem starken Bedarf derselben änderten die Lillespitzen ihre Art allmählich und anstatt der Valenciennes imitierte man die Malines. Die Lille sind die vulgären Malines, sozusagen eine billige Volksausgabe. Sie sehen in ihrer Zeichnung und der allgemeinen Wirkung ihren vornehmen Schwestern oft zum Verwechseln ähnlich, doch es genügt, sie näher zu betrachten, um zu bemerken, daß ihnen der den Malines eigene Charme fehlt; sie sind steifer und ungraziöser, doch ist ihre Ausführung eine ungemein billigere. Das toilé ist häufig sehr schmal, oft nur gleich so breit, wie der offene grobe Faden, der es umgibt. Die Spitzen haben meistens einen geraden Rand (doch nicht ausnahmslos). Es gibt zwei deutlich getrennte Arten Lilles, die eine, welche für Holland, die andere, die für Frankreich bestimmt sind; gemeinsam sind ihnen die oben erwähnten Merkmale und der stets aus einem fond clair bestehende Grund, das heißt es wird eine aus zwei Fäden mit Hilfe von Stecknadeln gewundene Masche hergestellt, und zwar ist diese für Frankreich stets sechseckig, für Holland häufiger viereckig, außerdem gilt für beide, daß die Maschen stets senkrecht zum Rande der Spitzen stehen, während bei den Malines parallel zu diesem.

Die Lilles, welche für den Handel nach Frankreich bestimmt sind, imitieren die Malines am stärksten; sie haben sehr ähnliche Muster, oft sind jours mit ovalen Medaillons mit verschiedenen fonds gefüllt in der Zeichnung der Bordüren, dann gibt es auch solche, die mehr den Valenciennes ähnlich sind, oder solche, deren Dessin sich um traubenartige Löcher oder Kreise bildet. Es gibt auch sehr feine, zarte Lilles, in welchen das Cordonet durch das toilé läuft, anstatt es einzufassen. Häufig werden die Lilles als Malines verkauft und der Käufer soll genau zusehen, daß er diese Spitzen nicht stark überzahlt.

Die zweite Gattung der holländischen Exportartikel wird als »Dutche« von den Arbeiterinnen benannt. Diese sind sehr volkstümliche ziemlich derbe Spitzen, mit hübschen großzügigen Rankenwerkzeichnungen und ihre Bestimmung ist meistens, für die holländische Nationalhaube verwendet zu werden.

Oft ist die Zeichnung so komponiert, daß sie einen Haubenflügel ausfüllt. Ihr réseau ist mit points d'esprits geziert, und in der ganzen Art liegt etwas Traditionelles, welches kaum von der Mode beeinflußt wird. Wer erinnert sich nicht gerne an jenen reizenden und kleidsamen Kopfputz, der die runden frischen Gesichter der Holländerinnen mit den blendend weißen Flügeln malerisch umgibt? Als Ersatz für die aus Lillespitzen verfertigten Hauben wird auch häufig der billigere gestickte Tüll verwendet.

Wie überhaupt in Frankreich mit dem XIX. Jahrhundert das Klöppeln vielfach abkam, war es wie in Valenciennes auch in Lille, daß diese Industrie ganz nach Belgien übersiedelte, wo sie heute noch einen recht blühenden Zweig der Spitzenindustrie ausmacht und zwar meistens an jenen Orten, wo einstens oder noch jetzt Malines oder points de France oder Valenciennes verfertigt wurden oder werden. Ein Hauptzentrum ist Turnhout im nördlichen Belgien.