Körner durchschaut jedoch die innere Bewegung, die sich hinter diesen Plänen und Sorgen verstecken will: »In Deinem Sommeraufenthalt wird Dirs an Vergnügen nicht fehlen. Ist nicht auch ein Interesse des Herzens dabei? Ich bin neugierig, ob Deine Stimmung an dichterischen Arbeiten fruchtbar sein wird.«

Die Woche nach dem Pfingstfest ließ Schiller noch vorübergehen, dann kam er, ohne sich besonders anzukündigen, in Rudolstadt an. Am 20. Mai schreibt er aus dem Gasthaus: »In der Hoffnung, daß mein künftiges Logis auf dem Dorfe, dessen Namen ich nicht weiß, durch Ihre Güte berichtigt sei, bin ich ohne weiteres hierher gereist. Seit gestern Abend halb zehn Uhr bin ich hier. – Ich bitte Sie, mich zugleich durch den Überbringer den Namen des Ortes, den Sie für mich bestimmt haben, wie auch des Hauswirts, bei dem ich wohnen soll, wissen zu lassen, weil ich womöglich noch vor Mittag dort sein und jetzt gleich meinen Koffer hinschaffen lassen möchte. Ich brauche Ihnen wohl nicht erst zu sagen, daß mir der nächste Augenblick, wo ich Sie und die Ihrigen sehen kann, der liebste sein wird.«

Die Freude über erfüllte Wünsche und die Pläne und Hoffnungen für die nächste Zeit verrät wiederum sein Brief an Körner:

Volkstedt bei Rudolstadt, 26. Mai 1788.

»Seit acht Tagen bin ich nun hier in einer sehr angenehmen Gegend, eine kleine halbe Stunde von der Stadt und in einer sehr bequemen heitern und reinlichen Wohnung. Das Glück hat es gefügt, daß ich ein neues Haus, das besser, als auf dem Lande sonst geschieht, gebaut ist, finden mußte. Es gehört einem wohlhabenden Manne, dem Kantor des Orts. Das Dorf liegt in einem schmalen, aber lieblichen Tale, das die Saale durchfließt, zwischen sanft ansteigenden Bergen. Von diesen habe ich eine sehr reizende Aussicht auf die Stadt, die sich am Fuße eines Berges herumschlingt, von weitem schon durch das fürstliche Schloß, das auf die Spitze des Felsens gepflanzt ist, sehr vorteilhaft angekündigt wird, und zu der mich ein sehr angenehmer Fußpfad, längs des Flusses, an Gärten und Kornfeldern vorüberführt. In dem Dorfe selbst ist die Porzellanfabrik, die Du vielleicht kennst. Ich habe zwei kleine Stunden nach Saalfeld, ebenso weit nach dem Schlosse Schwarzburg und zu verschiedenen zerstörten Schlössern, die ich alle nach und nach besuchen will.

In der Stadt selbst habe ich an der Lengefeldschen und Beulwitzschen Familie eine sehr angenehme Bekanntschaft, und bis jetzt noch die einzige, wie sie es vielleicht auch bleiben wird. Doch werde ich eine sehr nahe Anhänglichkeit an dieses Haus, und eine ausschließende an irgend eine einzelne Person aus demselben, sehr ernstlich zu vermeiden suchen. Es hätte mir etwas der Art begegnen können, wenn ich mich mir selbst ganz hätte überlassen wollen. Aber jetzt wäre es gerade der schlimmste Zeitpunkt, wenn ich das bißchen Ordnung, das ich mit Mühe in meinen Kopf, mein Herz und in meine Geschäfte gebracht habe, durch eine solche Distraktion wieder über den Haufen werfen wollte.

Die Arbeiten, mit denen ich diesen Sommer zustande kommen möchte, sind der Geisterseher, der leicht auf 25 bis 30 Bogen anlaufen dürfte, der zweite Teil meiner Niederländischen Rebellion und der Rest des ersten, ein Theaterstück, noch steht es dahin, ob dieses der Menschenfeind oder ein anderes sein werde, das ich, wie der Schwabe sagt, an der Kunkel habe, und hier und da ein Aufsatz für den Merkur. Aus dem bisherigen Lauf meiner Schreibereien zu schließen, dürfte dieses Unternehmen wohl fast übertrieben sein. Indessen wollen wir sehen. Geschieht auch nicht alles, so ist doch immer das gewonnen, was geschieht. Ganz bin ich hier doch noch nicht zuhause, auch meine Arbeiten strömen noch nicht.«

Wie weit der Wille mit seinen Plänen zur Geltung kommen würde, und wie bald das Schicksal die Vorsätze durchkreuzen sollte, geht aus den Briefen und kurzen Grußblättern hervor, die zwischen Rudolstadt und Volkstedt fast täglich gewechselt werden: »Montag, den 26. Mai. Ich hoffe, daß Ihnen allen die gestrige Partie so gut bekommen sei wie mir. Es war ein gar lieblicher vertraulicher Abend, der mir für diesen Sommer die schönsten Hoffnungen gibt. Mehr solche Abende und in so lieber Gesellschaft, mehr verlange ich nicht. Rudolstadt und diese Gegend überhaupt soll, wie ich hoffe, der Hain der Diana für mich werden.« Er vergleicht sich mit Orestes in Goethes Iphigenie, den die Eumeniden umhertreiben, und hofft, die Schwestern werden ihn vor den bösen unterirdischen Mächten beschützen. Zu Grunde lag dabei eine Eifersuchtsregung. Er weigert sich, in trüber Stimmung die Gesellschaft von Fröhlichen aufzusuchen, und entschuldigt seine wandelbare Laune mit dem Fluch, der auf allen Musensöhnen ruht, bittet aber doch um Nachricht, was für den andern Tag geplant wird, damit er sich anschließen kann.

Am 27. Mai redet ihm Charlotte gut zu, heiter und froh zu sein, Knebel, der gefürchtete Nebenbuhler, hat am Morgen Rudolstadt verlassen. Sie bittet, den Geisterseher mitzubringen, der Abend wird in Cumbach den kleinen Bekanntenkreis vereinen. Um sechs Uhr wollen sie den Freund am Wasserdamm erwarten, doch soll er ihnen auch zu jeder anderen Stunde lieb und willkommen sein. Schiller sagt zu, ist aber mit der Örtlichkeit noch nicht vertraut und meint, am Schaalbach die Schwestern erwarten zu sollen. Deshalb bittet ihn Karoline, lieber in ihre Wohnung zu kommen, damit sie einander nicht verfehlen.

Hier trifft zwei Tage später der Erbprinz Ludwig Friedrich mit ihm zusammen: »Den 29. Mai machte ich wieder eine neue Bekanntschaft mit einem jungen Gelehrten, der, so jung als er ist, doch schon viel Lesenswürdiges geschrieben hat, mit dem Herrn Rat Schiller. Er war im Beulwitzschen Garten, wo ich bis einviertel elf Uhr des Abends in einer vergnügten Gesellschaft den angenehmen Geruch der schönen Baumblüten genoß.«