Im Volkstedter Haus fühlt sich Schiller wohl: »Ich bin auf meine vier Wände reduziert, und wenn nicht manchmal eine Kuh blökte, oder meine Pfauen mir vor dem Hause mit ihrer Silberstimme die Honneurs machten, so würde ich gar nicht gewahr, daß Leben um mich ist.«

Wenn kühle Witterung eintritt, klagt er über Erkältung. Dann kann er die Neue Gasse nicht aufsuchen und bittet nur um ein Lebenszeichen durch den Boten, seine Stimmung leidet unter der Trennung. Charlotte tröstet und bedauert, daß er, ein großer Mann, der der Öffentlichkeit so viel in seinen Schriften beschert, auch nur eine trübe Viertelstunde erlebt. Arm und verlassen wie Robinson kommt er sich vor, die Freundinnen so nah, und er kann nicht bei ihnen sein! Wagt er trotz feuchter Luft und Nebel den Gang nach Rudolstadt, so tritt ein Rückfall in seinem Katarrh ein, namentlich die Heimwege am späten Abend verbittern ihm das Landleben, auch der Zeitverlust, den seine Arbeiten erleiden, verdrießt ihn. Charlotte redet gut zu, so gern sie ihn sieht, soll er doch nur bei mildem Wetter ausgehen, wenn es seiner Gesundheit zuträglich ist.

Dazwischen erreicht ihn ein Freundesgruß aus Dresden mit der schalkhaften Zustimmung: »Dein Aufenthalt auf dem Lande ist sehr nach meinem Sinn. Freilich ists für Deine Arbeiten besser, wenn Du eine ausschließende Anhänglichkeit an irgend ein Wesen in der Nähe vermeiden kannst!«

Die Abendunterhaltungen bei Lengefelds bestreitet Beulwitz, indem er aus Schillers jüngsten Werken vorliest. Sonnabend, den 14. Juni, feiert die Gesellschaft eine italienische Nacht im Baumgarten. Der Erbprinz trägt in sein Tagebuch ein: »Die Frau von Lengefeld hatte mit ihrer Familie und noch mit andern Damen, und mit dem Herrn Rat Schiller da gegessen. Es wurde gesungen, auf dem Schiffchen gefahren und spazieren gegangen. Erst nach elf Uhr ging die ganze Gesellschaft mit uns singend den Schloßberg hinauf und sodann, auch Herr Rat Schiller nebst den übrigen Damen, in die Stadt nach Hause.«

Immer einmal wieder vernehmen wir, wie hart und sauer es ihn ankommt, sich für den Heimweg loszureißen.

Als der Blitz in Volkstedt eingeschlagen hat, hört Karoline mit Schrecken davon und dankt dem Himmel und allen guten Geistern, daß der Strahl Schillers Haus verschont hat. Das eine Mal versüßt sie ihm das Buchstudium durch Backwerk, das andere Mal durch Aprikosen und Tee. Charlotte begleitet den nächtlichen Wanderer im Geiste durch Sturm und Wolken und hofft, daß ihm nichts zugestoßen ist. Er bittet, in Charlottes Stübchen studieren zu dürfen, weil in Beulwitzens Zimmern viel Unruhe herrscht. Sie geht gern darauf ein, ihn an ihrem Schreibtisch arbeiten zu lassen; das soll ihr eine freundliche Erinnerung bleiben. Des schlechten Wetters wegen übernachtet er in Rudolstadt.

Am 2. Juli ist Kirchweih in Cumbach. Die Hofgesellschaft beteiligt sich daran bis zehn Uhr abends. Obschon er derartige Feste am liebsten vermeidet, nimmt er doch daran teil, aber die Eifersucht regt sich, als er andere mit der von ihm geliebten Person tanzen sieht. Den Heimweg legt er allein zurück, geht ziellos durch das Tal in die Berge hinein und gelangt, ohne es zu wissen, nach Schaala. Auf dem Wege kommen ihm dichterische Eingebungen.

Sehnsucht nach regerer Verbindung mit der Außenwelt wird laut. Da Rudolstadt noch keinen regelmäßigen Postverkehr hat, werden Briefe oft nur gelegentlich durch Boten befördert und kommen so erst auf Umwegen an ihr Ziel.

Der Erbprinz führt das Ehepaar Beulwitz nebst Schiller und Lotte auf das Schloß und zeigt ihnen die neueingerichteten Zimmer, die Bibliothek und das Bilderkabinett. Weil Schiller ein Freund von weiten Ausblicken in die Landschaft ist, besteigen sie den Schloßturm, wo ein schönes Geläut von drei Glocken aus Mayers Gießerei sie erfreut. Im Lengefeldischen Garten wird französische Komödie gespielt, oft auch eifrig gezeichnet. Der Erbprinz, gewandt als Zeichner und geübt als Radierer, entwirft Szenen aus dem Geisterseher.

Der Gedanke an die Trennung beschäftigt Schiller in einem Briefe an Körner: »Ich habe mich hier immer noch ganz vortrefflich wohl. Nur entwischt mir manches schöne Stündchen in dieser angenehmen Gesellschaft, das ich eigentlich vor dem Schreibtisch zubringen sollte. Wir sind einander hier notwendig geworden, und keine Freude wird mehr allein genossen. Die Trennung von diesem Hause wird mir sehr schwer sein, und vielleicht desto schwerer, weil ich durch keine leidenschaftliche Heftigkeit, sondern durch eine ruhige Anhänglichkeit, die sich nach und nach so gemacht hat, daran gehalten werde. Mutter und Töchter sind mir gleich lieb und wert geworden, und ich bin es ihnen auch. – Es war recht gut getan, daß ich mich gleich auf einen vernünftigen Fuß gesetzt habe und einem ausschließenden Verhältnis so glücklich ausgewichen bin. Es hätte mich um den besten Reiz dieser Gesellschaft gebracht. – Beide Schwestern haben etwas Schwärmerei, doch ist sie bei beiden dem Verstande subordiniert und durch Geisteskultur gemildert. Die jüngere ist nicht ganz frei von einer gewissen Coquetterie d’esprit, die aber durch Bescheidenheit und immer gleiche Lebhaftigkeit mehr Vergnügen gibt als drückt. Ich rede gern von ernsthaften Dingen, von Geisteswerken, von Empfindungen, hier kann ich es nach Herzenslust und ebenso leicht wieder auf Possen überspringen.«