betrachte sie! – doch pflücke sie nicht ab!

Geschaffen, nur die Augen zu vergnügen,

welk werden sie zu Deinen Füßen liegen,

je näher Dir – je näher ihrem Grab.

Im Sommer 1788

Als die Pläne für den Landaufenthalt bestimmte Formen angenommen hatten, suchten die Schwestern ihrem Freunde eine Wohnung. Sie sollte nicht gar zu weit von ihrem eigenen Heim abliegen und doch ungestörte Arbeitszeit ermöglichen. Zuerst meinten sie, das Rechte gefunden zu haben bei dem Hofgärtner Callenius in Cumbach. Doch bemerkten sie bald, daß dort nicht die Stille herrschte, auf die es ankam. Der fürstliche Gewächsgarten mit der Orangerie zog täglich Verkehr und laute Geselligkeit an, auch ein Gestüt, das dort gehalten wurde, brachte Geräusch in die Nähe. Darum fiel ihre Wahl auf Volkstedt, wo all diese Bedenken nicht entstehen konnten.

Am 24. April meldet Charlotte in aller Eile das Ergebnis ihrer Fürsorge nach Weimar: »Das Dorf hat eine schöne Lage, am Ufer der Saale, hinter ihm erheben sich Berge, an deren Fuß liebliche Fruchtfelder sich ziehen, und die Gipfel mit dunklem Holze bekränzt, gegenüber an der anderen Seite der Saale schöne Wiesen und die Aussicht in ein weites, langes Tal. Ich denke, diese Gegend wird Ihnen lieb sein, mir brachte sie gestern einen Eindruck von Ruhe in die Seele, der mir innig wohltat.

Die Stube, die ich für Sie bestimmte, ist nicht sehr groß, aber reinlich, auch die Stühle sind nicht ganz ländlich, denn sie sind beschlagen, eine Kammer daneben, wo das Bett stehen kann, und auch eine für den Bedienten nicht weit davon. Für Betten will der Schulmeister sorgen, dem das Haus gehört, auch wohnt eine Frau darin, die Ihnen Kaffee machen kann, und auch bedienen könnte, zur Not auch kochen, wenn das Wetter zu böse wäre, um es sich aus der Stadt holen zu lassen. Ich denke, es ist alles gut besorgt.«

Am 2. Mai erfolgt die Danksagung: »Sie haben die Angelegenheit, deren Besorgung Sie so gütig übernahmen, so ganz nach meinen Wünschen und über alle meine Erwartungen zustande gebracht, daß ich Ihnen unendlich Mal dafür verbunden bin. Der Ort, die Lage, die Einrichtung im Hause, alles ist vortrefflich. Sie haben aus meiner Seele gewählt. Ich habe Ihnen viele Mühe gemacht, aber ich weiß auch, daß Ihnen das Vergnügen, welches Sie mir dadurch verschafften, statt alles Dankes ist. – Ich werde in Ihren schönen Gegenden, in dieser ländlichen Stille mein eigenes Herz wiederfinden, und Ihre und der Ihrigen Gesellschaft wird mich für alles, was ich hier zurücklasse, reichlich entschädigen.«

Dem hilfreichen Freund und Berater in Dresden geht die Nachricht zu: »Ich werde mich eine kleine Stunde von Rudolstadt niederlassen. Die Gegenden sind dort überaus ländlich und angenehm, und ich kann da in seliger Abgeschiedenheit von der Welt leben. Das Lengenfeldische Haus, von dem ich Dir nach meiner Rückreise von Meiningen geschrieben habe, wird mir den ganzen Mangel an Gesellschaft hinlänglich ersetzen. Es sind dort mir sehr schätzbare Menschen beisammen, von sehr vieler Bildung und dem edelsten Gefühl. Sie sind auch schon in der Welt gewesen und haben eine glückliche Gemütsstimmung daraus zurückgebracht. Alles was Lektüre und guter Ton einer glücklichen Geistesanlage und einem empfänglichen Herzen zusetzen kann, finde ich da in vollem Maße, außerdem auch viele musikalische Fertigkeit, die nicht den kleinsten Teil der Erholung ausmachen wird, die ich mir dort verspreche. Diesem Zirkel gedenke ich alle Tage einige Stunden zu widmen. Sonst erwarten meiner die mannigfaltigsten und, ich muß leider sagen, die drückendsten Arbeiten. Aber ich gehe ihnen mit ziemlichem Mut, ja selbst mit Vergnügen entgegen.«