Das Frühjahr 1791
Das Jahr 1791 begann mit Not und Sorge. Am 3. Januar bei einem Hoffest in Erfurt war Schiller zusammengebrochen. Der Arzt schaffte wohl Linderung, aber nicht Heilung. Am 9. Januar erfolgte die Reise nach Weimar, am 11. die Rückkehr nach Jena. Im Briefwechsel des Freundeskreises ist die Sorge und die Hoffnung zu erkennen, mit der alle die Ereignisse im Befinden Schillers begleiteten. Erst am 22. Februar führt der Genesende selbst wieder die Feder und berichtet dem Dresdener Freund seinen Zustand und seine Pläne für den Sommer. Schon am Krankenlager hatte sich ein Wetteifer gezeigt: nicht nur Verwandte und altbewährte Freunde hatten einander übertroffen in ihren Bemühungen, auch neue Anhänger bewarben sich, wenigstens einmal eine Nachtwache leisten zu dürfen. Schillers philosophische Studien hatten ihm Schüler in reiferen Mannesjahren zugeführt, die nur vorübergehend Jena aufsuchten, um seinen persönlichen Verkehr zu genießen. Im Anfang des April folgten ihm einige dieser neuen Freunde auch in seine Erholungszeit nach Rudolstadt.
Geselliges Leben entwickelt sich hier, drei- bis viermal die Woche wird ein Spazierritt unternommen. Am 24. April folgt Schiller einer Einladung zur Hoftafel, die Umgebung ist heiter, aber er selbst beurteilt seinen Zustand mit klarem Blick: ›Ich mag niemand sagen, daß ich meine Beschwerden behalten muß. – Es soll mir nicht an Mut fehlen, wenn auch das Schlimmste über mich kommen wird.‹
Zu dem neuen Kreise gehörte der fünfundzwanzigjährige Mediziner Benjamin Erhard aus Nürnberg, Kantischer Philosoph, Mathematiker, Zeichner und Musiker, ein bestimmt auftretender, humorvoller Mensch, dessen Wesen Schiller mit fühlbarem Anteil schildert. Er berichtet in seinen Denkwürdigkeiten: »Durch Schillers Bekanntschaft wurde ich veranlaßt, ihn in Rudolstadt bei seinem Schwager zu besuchen. Ich verlebte hier einige der glücklichsten Tage meines Lebens, unter lauter gebildeten Menschen, die mich an äußerer Bildung alle übertrafen, und die doch Güte genug hatten, mir meine innere als Ersatz für die äußere anzunehmen. Die Prinzen und Prinzessinnen kamen beständig in dieses Haus, und meine geringe Fertigkeit im Zeichnen und Kenntnis des Generalbasses erwarb mir ihre Gunst. Der Ton, der hier herrschte, war die unschuldigste Geselligkeit, die ich bisher gesehen hatte. Ich war eines Abends auf dem Schlosse und phantasierte auf Verlangen auf dem Fortepiano; meine Laune gab mir deutsche Tänze ein, und diese wirkten auf die Gesellschaft so, daß sie zu tanzen anfing, und ich meine Tänze fortspielen mußte. Reinhold, der auch auf Besuch hier war, sagte mir ins Ohr: ›Nun erfahre ich, was ich in meinem Leben nicht erwartet habe, daß ein Hof nach der Musik eines Philosophen tanzt.‹ Das hörte aber doch ein Nahestehender, der Scherz wurde in der Gesellschaft verbreitet und gefiel jedermann. Mit dem Buchhändler Göschen ging ich zu Fuß nach Jena zurück und fand auch in ihm einen Freund.«
Aus dem Bekanntenkreis, zu dem auch der Freiherr von Hardenberg, der Dichter Novalis, gehörte, nennt Schiller noch einen Klagenfurter Fabrikanten Baron von Herbert und zwei Livländer, Baron von Adlerskron, Offizier und Philosoph, und Karl Gotthard Graß, der sich als Theolog, Philosoph, Dichter und Maler betätigte. Aus dessen Feder besitzen wir die Schilderungen von Schillers Krankheit, die ihn am 7. Mai überfiel. Aus seiner Heimat schreibt er 1795 an Schiller: »Es sind vier Jahre, vier Jahre! verflossen, seit ich in Rudolstadt von Ihnen ging; nur wenn ich auf die Lebhaftigkeit meiner Rückerinnerungen an jene Augenblicke sehe, scheinen es mir so viele Tage zu sein. Ich sehe noch jeden einzelnen Moment unverrückt und deutlich vor mir. Wie wir am Bett saßen und Ihnen vorlasen, und was wir lasen; wie wir die Mondlandschaft vor Ihnen aufstellten; dann wieder, wie Ihre Gattin an Ihrem Bett kniete und die Tränen verbarg, und Ihre Hände sie umschlangen; wie Sie mit mir Malaga und auf Wiedersehen tranken; dies alles, und was Sie mir sagten, und was ich empfand, dies alles ist mir so gegenwärtig, wie von gestern her. Ich kenne jeden Zug Ihres Gesichts, ich höre Ihre Stimme, und die leiseste Berührung dieser Erinnerungen durchdringt meine ganze Seele!«
Aus Neapel beantwortet er die Nachricht von Schillers Tod, unter der er zusammenbrechen wollte; dabei fließt ihm in die Feder: »Erinnern Sie sich noch eines Augenblicks, der mir unvergeßlich ist, als Schiller in Rudolstadt so krank war: Ich befand mich in seinem Zimmer und hatte, indem ich am Fenster stand und las, mir das Bild des Leidenden und das Edle und Große, welches seine Form und seine Züge umschwebte, tief eingeprägt. Er hatte, soviel ich weiß, etwas Opium genommen, die heftigen Krämpfe zu stillen, und lag da, leicht entschlummert, wie ein Marmorbild. Sie befanden sich im Nebenzimmer, wo ich Ihnen die Schillersche Übersetzung des vierten Buchs der Äneide vorgelesen hatte, und von Zeit zu Zeit kamen Sie an die Türe, sich nach Schiller umzusehen. Sie sahen ihn also da liegen und nahten leise auf bloßen Strümpfen, und ebenso leise knieten Sie mit gefalteten Händen vor sein Bette hin. Ihr loses dunkles Haar floß über die Schulter. Still weinte Ihr Auge. Sie hatten es wohl kaum bemerkt, daß noch jemand im Zimmer war. Der ohnmächtige Kranke schlug indessen etwas die Augen auf. Er erblickte Sie; mit Leidenschaft umschlangen plötzlich seine Arme Ihr Haupt, und so blieb er auf Ihrem Nacken ruhen, indem ihn die Kraft von neuem verließ. Verzeihen Sie, daß ichs wagte, Ihnen eine Szene zu schildern, die so heilig und himmlisch war, daß nur Unsterbliche sie belauschen sollten. Begreifen Sie nun, daß ich Schiller und Sie nie vergessen konnte?«
Treuer Pflege, der Hilfe der Rudolstädter Ärzte Conradi und Beythan, sowie des Jenaer Hofrats Stark gelang es, den Leidenden zu retten. Am 9. Juli reiste er mit Frau und Schwägerin nach Karlsbad, von wo Lotte meldet, daß die Kur guten Erfolg hat. Karoline wurde nach Rudolstadt zurückberufen, denn am 21. Juli fand die Vermählung des Erbprinzen Ludwig Friedrich mit der Prinzessin Karoline Luise in Homburg statt, und am 5. August sollte der feierliche Einzug des jungen Paares in Rudolstadt erfolgen.
»Am 10. April 1805. Jeder Mensch sollte die Geschichte seiner Empfindungen für sich selbst aufsetzen, nicht sich ängstlich beobachten und immer mit seinem Gewissen sich abfinden, sondern sich mit freiem Sinne prüfen, wie die äußern Gegenstände auf uns wirken. –
Je länger man in der Welt lebt, je näher man die Menschen beleuchtet, je mehr flüchtet man sich in sein eigenes Herz zurück. Welche Zwecke, welche Neigungen leiten die, die wir beobachten! Falsches Streben nach unerreichbaren Dingen ist beinah die ganze Existenz mancher Naturen. Wo ist der Friede zu finden, wenn er nicht in uns ist?