Je gebildeter die Natur, je näher den Abwegen! Kein Mittelweg führt zu dem Genuß einer ruhigen Existenz. Haben wir das Schicksal beschworen, so entsteht in uns selbst der Kummer. Immer das Unerreichbare zu erringen strebt die Natur. Immer in jeder Lage, in jedem Moment des Lebens ist nur Hoffnung nach etwas Besserem, für etwas Besseres der einzige Stab, auf den wir unsere wankende Existenz stützen. Soll dieses ewige Streben nach dem Besseren zwecklos sein? Soll es nicht dem Geist die Deutung geben, daß es einen Ort gibt, wo endlich alles Hoffen erfüllt wird?«

So schrieb die ehemalige Rudolstädterin in ihrem Heim an der Esplanade zu Weimar, als der Gatte hoffnungslos darniederlag.

Vier Wochen darauf trat das Ereignis ein, das die Chère mère in einer Urkunde bezeugt: »Den 9. Mai, abends zwischen 5 und 6 Uhr ist mein Schwiegersohn, Hofrat von Schiller, Mitglied der Witwensozietät, mit Tod abgegangen.«

Eine schwache, achtunddreißigjährige Witwe, brach Charlotte am Sterbebette in der Dachstube zusammen, dann nahm sie die Last auf sich, die eine gütige Vorsehung sonst nur den Armen eines Menschenpaares zumutet: Unmündige zu tragen und zu führen, bis sie ihren Lebensweg aus eigener Kraft weitergehen können.

Schillers Familie in Rudolstadt

Nach Schillers Verheiratung löste sich bald der Hausstand in der Neuen Gasse auf. Frau von Lengefeld hatte schon 1789 ihr Amt als Erzieherin der Schwestern Ludwig Friedrichs angetreten und bezog eine Wohnung auf der Heidecksburg. Karoline von Beulwitz trennte sich von ihrem Gemahl, verließ Rudolstadt und ging 1794 eine neue Ehe mit Wilhelm von Wolzogen ein.

Über den Verkehr Schillers und der Seinen enthalten die Hoffurierbücher trockene, aber genaue Auskunft, da jede Mahlzeit und jedes Nachtquartier eingetragen ist.

»Herr Schiller und Frau Hofrätin sind vom 2. bis 12. September 1799 mittags an Erbprinzen Tafel und abends bei fürstlicher Tafel gewesen.«

Bis 1803 wohnt »Frau Hofrätin Schiller« wiederholt bei ihrer Mutter, dann tritt eine Pause ein bis 1810. Als zwölfjähriger Knabe besingt Ernst von Schiller romantisch schwärmerisch die Kapelle im Mörlagraben und dichtet eine Ballade: Der Ritter und die Saalnixe. Bald erscheint »Herr von Schiller«, der siebzehnjährige Sohn Karl, als Gast an der fürstlichen Tafel. Am 23. Februar 1811 nimmt Ernst an einem Maskenfest auf dem Schlosse teil als Marquis Posa und fällt auf, wegen seiner großen Ähnlichkeit mit dem Vater, die kleine Karoline gesellt sich zu den fürstlichen Kindern. Karl verkehrt als »Herr Leutnant von Schiller« bis 1815 an der Familientafel, Ernst »der Herr Kammerassessor« bis 1818, dann führt der Beruf sie beide in die Ferne. Von 1819–1823 feiert »Frau Hofrat von Schiller mit zwei Fräulein« regelmäßig den Geburtstag der Mutter am Hofe, Emilie hat Beziehungen zu Familien in der Stadt, Karoline findet sich am 28. November 1822 als »bleibender Gast« auf dem Schlosse ein.

Am 11. Dezember 1823 verschied die Chère mère, und die Fürstin Karoline Luise wurde den drei vereinsamten Frauen aufrichtige Freundin und treue Beraterin.