Das Schillerhaus in Volkstedt

Drei Jahre später, am 9. Juli 1826, starb Charlotte in Bonn. Sie hatte den Augenarzt von Walther daselbst aufgesucht, um ihr Starleiden heilen zu lassen. Die Operation gelang, aber Schwindelanfälle und Atemnot traten ein. Ernst von Schiller zeigt der Fürstin Karoline Luise den Tod der Mutter an: »Ich fand sie phantasierend, doch mit helleren Momenten, in deren einem sie meine Anwesenheit erkannte und einige, doch schwache Teilnahme zeigte. Die Bilder ihrer Phantasie waren mild, es war der Regen, der die Blumen erquicken würde. Ich holte Walther, der mir gleich sagte, daß sie rettungslos verloren sei, es sei ein Nervenschlag, der durchaus unerwartet gekommen wäre. Um halb 5 Uhr hörte sie auf zu sprechen. Ohne irgendein Zeichen ihres Bewußtseins zu geben, hauchte die Vortreffliche morgens gegen 6 Uhr ihr edles Leben aus. Emilie und ich waren zugegen. Euer Durchlaucht kennen den Schmerz und werden den unsrigen begreifen.«

Die Saale zwischen Volkstedt und Rudolstadt

Emilie war ein hochstrebendes Wesen und fühlte schwer den Kampf zwischen ihren Idealen und der Wirklichkeit. An ihren Bruder Ernst schloß sie sich eng an. Seelsorgerin in allen Gewissensangelegenheiten blieb ihr die Fürstin in Rudolstadt, bis Adalbert von Gleichen sie 1828 als Gattin heimführte.

Über Karolines Verkehr und ihren Aufenthalt in Rudolstadt ist die zuverlässigste Kunde erhalten geblieben. Schon als Kind hatte sie gern mit jüngeren Kindern verkehrt. Noch bei Lebzeiten der Mutter war sie in das Katharinenstift zu Stuttgart eingetreten, um Erziehung und Unterricht gründlich kennenzulernen. Krankheit und Tod der Mutter bestimmten sie, sich eine eigene Stellung im Leben zu suchen. Bei allen Entscheidungen war auch ihr die »Fürstin Mutter« in Rudolstadt eine treue und nimmermüde, vielerfahrene Freundin. In die Familie des württembergischen Herzogs Eugen zu Karlsruhe in Schlesien trat sie ein, um diesem eine achtjährige Tochter zu erziehen. Als die Tätigkeit dort zu Ende war, legten die alten Beziehungen der Eltern zu Hof und Stadt sowie die neuen Verbindungen der Schwester Emilie zu der Familie von Gleichen den Gedanken nahe, nach Rudolstadt zurückzukehren. Vor Not blieb sie bewahrt, da sich der geistige Nachlaß des Vaters in Barbesitz der Erben verwandelte. Nun trat eine arbeitshungrige dreißigjährige Dame in das Leben der kleinen Residenz ein. Studium und Lektüre befriedigten sie nicht. Die philosophischen und dichterischen Werke des Vaters beherrschte sie vollkommen, und anderen davon mitzuteilen durch Vortrag oder Einübung von Rollen bereitete ihr Genuß und Freude. Eine Entscheidung im Gemütsleben hatte sie standhaft überwunden und »durch herrliche, edle Menschen Trost und Erquickung in der Freundschaft empfangen.« Nunmehr folgt sie dem Zuge des Herzens, »um das Ideal ihres Lebens ins Werk zu setzen«.

Am 26. Mai 1832 veröffentlicht sie ihr »Anerbieten. Wenn es einigen Eltern erwünscht sein könnte, ihre Töchter unter weiblicher Aufsicht unterrichten zu lassen, so erbiete ich mich gern, sie vom siebenten Jahre an täglich 5–6 Stunden bei mir aufzunehmen.«

Am 25. Juni beginnt der Unterricht, außer ihr selbst ist ein Kandidat und eine Handarbeitslehrerin an der Klasse beschäftigt. Vom Jahre 1834 an erteilt der Theologe und Mathematiker Augustin Regensburger den wissenschaftlichen Unterricht, und mit ihm tritt ein Geistesverwandter in die Gefolgschaft der Stifterin ein.

Unter den Schülerinnen des Jahres 1835 wird Franziska Junot genannt, ihr Vater war der Bergrat Junot in Katzhütte. Vornehme, heitere Ruhe wird ihm nachgesagt. Aus erster Ehe Witwer geworden, mag er sich nach einer mütterlichen Versorgerin für seine sechs Kinder umgesehen und dabei das feinsinnige Erziehertalent Karolines erkannt haben. Am 26. Juli 1836 fand die Trauung statt in der Kirche von Volkstedt, auf der 48 Jahre vorher das Auge des Vaters täglich geruht hatte. Am 1. April 1839 gab Karoline einem Söhnchen das Leben. Es erhielt die Namen Felix Karl, trug das goldleuchtende, wallende Schillerhaar und wies vielversprechende Anlagen auf; aber eine jäheintretende Krankheit setzte seinem Dasein ein frühes Ende. Er starb am 27. April 1844 in Rudolstadt. Sein Grab liegt auf dem alten Friedhof links, gegenüber der Friedhofshalle.