Kakadu-Bill ging vollkommen kunstgerecht zu Werke. Er trabte, immer den Lasso schwingend, im Kreise um den Eishund, der ruhig auf den Hinterbeinen saß und erstaunt Kakadu-Bill zusah. Er war sich offenbar nicht klar, was dessen sonderbares Benehmen bedeutete. Immer enger zog Kakadu-Bill den Kreis und plötzlich pfiff der Lasso durch die Luft und schlug klatschend auf die Stelle, wo der Eishund eben noch gesessen hatte, aber nicht mehr saß. Als Kakadu-Bill das Hohngelächter der Menge vernahm, stieß er einen gräßlichen Fluch aus, wickelte seinen Lasso wieder auf und jagte abermals hinter dem Eishund her. Aber er kam einer dünnen Stelle im Eise zu nahe und brach durch das Eis. Am Ufer herrschte gewaltige Aufregung. »Er ertrinkt!« riefen einige. Die Damen kreischten und sahen sich nach hübschen jungen Herren um, denen sie ohnmächtig in die Arme fallen könnten. Zum Glück war es da nicht tief, und Kakadu-Bill fiel nur bis über die Kniee ins Wasser. Das kühlte sein wildwestliches Jagdfieber jedoch dermaßen ab, daß er hastig aus dem Wasser herauspatschte und samt seinem Lasso so schnell wie möglich verduftete. – Nun schien keiner mehr Lust zu haben, sein Glück zu versuchen.
»Er wird wahrscheinlich von selber am Abend oder früh am nächsten Morgen über die Bretter ans Land finden!« sagten die Polizisten und ersuchten die Menge weiterzugehen.
»Aber er verhungert unterdessen!« meinte eine reizende junge Dame. »Oder er ertrinkt, wenn es weiter taut! Das wäre sehr unappetitlich. Es ist unser Trinkwasser!«
»Wir werfen ihm etwas Fleisch aufs Eis!« versicherten die Polizisten. »Und ein paar Tage hält das Eis noch!«
»Die Vorstellung ist aus!« rief ein vorwitziger Bengel. »Morgen vormittag wird sie fortgesetzt!« Und langsam entfernten sich die Leute.
Am nächsten Morgen war die seltsame Geschichte von dem berühmten Eishund mit Abbildungen in Bubbles Zeitung. Zu Fuß, zu Pferde und zu Wagen kam halb New York, um den berühmten Eishund zu sehen. Gott sei Dank! – da war er noch. Es hatte wirklich noch mehr getaut und niemand wagte sich aufs Eis. Niemand? Ein Held, ein einziger Held scheute sich nicht, eines erbärmlichen kleinen Köters wegen sein Leben aufs Spiel zu setzen. Ein kleiner kugelrunder deutscher Bäcker aus der Avenue A, mit rosaroten Backen, war der Held. Er hatte ein ganz neues Verfahren. Er war schon am Tage vorher dagewesen, hatte das Schlachtfeld in Augenschein genommen und war mit der geheimnisvollen Bemerkung fortgegangen, das sei ein eklatanter Fall, wo Moltkesche Strategie allein Erfolg verspreche. Denn er sei Sergeant in der deutschen Armee gewesen und mit Waldersee in China. Mit dieser Strategie also war er jetzt gekommen. Ohne Frage hatte seine Strategie etwas Ungewöhnliches, Geniales. Als Hilfsmittel brachte er dreierlei Dinge mit: einen Dachshund mit fürchterlich krummen Beinen, eine lange dünne Leine und einen riesigen Schinkenknochen, der an der Leine befestigt war. Als er mit diesen drei Dingen auf dem Eise erschien, stieß Bubbles, der Berichterstatter, ein indianisches Freudengeheul aus. Das Publikum schrie Hurra, Flaherty aber wandte sich an Kaiser und sagte:
»Kaiser, ist es wahr, daß Moltke mit Dachshunden und Schinkenknochen gearbeitet hat?«
Ein anderer fragte seinen Nachbar, wer eigentlich der Dachshund und wer der Bäcker sei. Wahrhaftig – von weitem sahen sie sich ähnlich, wegen der krummen Beine. Man war aufs äußerste gespannt, wie nun die Moltkesche Strategie sich betätigen werde. Sie betätigte sich wie folgt. Der kugelrunde Bäcker rollte sich auf den gelben Köter zu, der freundlich bellte und mit dem Schwanz wedelte, als er einen vierbeinigen Kameraden erblickte. Diese beiden, der Mann und der Dachshund, machten unzweifelhaft einen friedlichen Eindruck auf den Eishund. Nun schleuderte der Bäcker plötzlich seinen Schinkenknochen, aber nicht nach dem Köter hin, sondern seitwärts. Sofort stürzte sich der krummbeinige Dackel mit fliegenden Ohren auf den Knochen und suchte ihn seinem Herrn zu entreißen. Der jedoch hielt ihn mit der Leine fest. Das ärgerte Prinz. So hieß nämlich der Dackel. Knurrend und keifend zog er aus Leibeskräften an dem Knochen, ebenso kräftig zog der Bäcker daran. Der Eishund war eitel Entzücken. Mit lustigem Gebell sprang er unausgesetzt um den Dackel herum, dabei begehrliche Blicke auf den Knochen werfend. Himmel – war das ein Knochen! Und ein Duft ging von dem Knochen aus, daß ihm der leere Magen in dem dürren Leib vor Freude hüpfte. Wenn er diesen Knochen erwischen könnte! Er kam ein wenig näher. Aber Prinz schnarrte ihn so grimmig an, daß er furchtsam zurückwich. Nun zog der Bäcker stärker und stärker, bis er Prinz ganz nahe hatte. Dann sagte er: »Artig, Prinz!« und Prinz ließ schweren Herzens den Knochen fahren. Jetzt kugelte sich der Bäcker mit lächerlicher Geschwindigkeit davon, den Knochen immer hinter sich herschleifend. Prinz und der gelbe Köter folgten. Der Bäcker gab acht, daß sie den Knochen nicht erwischten. Eine Weile trieb er's so. Dann schleuderte er den Knochen dem gelben Köter zu, der ihn heißhungrig erschnappte. Nun begann dasselbe Spiel, das der Bäcker mit Prinz getrieben hatte. Näher und näher zog er den Knochen mit dem gelben Köter daran, während Prinz mit entrüstetem Bellen um den Nebenbuhler herumsprang. Immer näher kam der Köter und jetzt – ein Griff, er hatte ihn, samt dem Knochen. Er nahm ihn unter den Arm und verließ mit ihm, gefolgt von Prinz, unter dem brausenden Hurra der Zuschauer das Eis.
»Was hältst du von Moltke?« fragte jetzt Kaiser den dicken Flaherty.
»Es ist ein Sedan, ein vollkommenes Sedan!« gestand Flaherty voll Bewunderung. »Jetzt verstehe ich den Krieg von Siebzig!«