Du schaust den Gedanken unbewegt, einheitlich, ungeteilt: Kâma,
Verlangen, Fraß; Fraß ist sinnfälliger Ausdruck des Verlangens.
Es ist kein Zwiespalt, kein Gegensatz im Gedanken, im Wollen und
Tun an sich; Zwiespalt, Gegensatz ist durch Ich und Ich.
Zwiespalt, Teilung erscheint mit be-Teil-igung des Ich am
Gedanken. Der Gegensatz entsteht durch zwiefachen Standort des Ich; im
Ich, das hier will, und im gegenüber stehenden, entgegen stehenden,
widerstehenden Ich, das dort wieder will—zwei gegen-ständliche
Standorte des Ich—das ist Raumerscheinung:
I. Ich—hier:
"ich will dich fressen."
II. Ich—dort:
"ich will dich fressen."
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Ich auf beidem Standort spricht den einheitlichen Gedanken, das einheitliche Verlangen: 'Fraß' zwiefach aus, bejahend—verneinend. Ich auf beidem Standort bejaht den Satz und verneint damit den Gegensatz. Ich will—und will nicht das Gegenteil des Gewollten; Wille zur Tat, Unwille zur Duldung der Tat. Ich hier wie Ich dort: "ich will leben—nicht sterben, ich will fressen—nicht gefressen werden." Es ist Ein Gedanke, Ein Verlangen, Ein Vorgang: 'Fraß'; 'fressen —nicht gefressen werden' ist nur Lautverschiedenheit, nur sprachlich doppelter Ausdruck, dem Sinne nach dasselbe; nur Gewolltes bejahende, nicht-Gewolltes verneinende Redewendung, doppelte Bezeichnung für Eines. Ich spricht in zwiefachen, Eines bedeutenden Worten einheitliches Wollen, den Einen ungespaltenen Gedanken aus; Gegensatz erscheint im raum-gespaltenen, im ent-zwei-ten Ich; im Ich, das hier will, und im Ich, das dort will, dort wieder will, das heißt —wider will:
[Ich:]
I. Ich, angreifend und siegend will die Tat, bejaht, die Tat,
spricht den bejahenden tätigen Sprachausdruck des Verlangens—in
Lust aufflammend:
"ich will dich fressen."
[Ich im räumlichen 'Gegen'stand:]
II. Ich, angegriffen und unterliegend, will die Tat nicht,
verneint was ihm Leid antut, spricht den verneinenden, leidenden
Sprachausdruck des Verlangens—in Leid aufflammend:
"ich will mich nicht fressen lassen."
Kein Gegensatz im Verlangen, kein Zwiespalt, keine Teilung— gleichviel, ob sich der Gedanke in Einem Ich in zwiefacher Redewendung —bejahend—verneinend—ausspricht, oder ob sich der Gedanke in zwiefacher Redewendung als Wille und Unwille auf zwei Ich verteilt— zweiheitlicher Ausdruck des einheitlichen Gedankens: Verlangen. Kein Gegensatz in Gedanken—gleichviel, ob sich der Gedanke im tuenden Ich in Tat ausdrückender Redeform ausspricht, oder ob sich der Gedanke im leidenden Ich in Leid ausdrückender Redewendung widerspricht; gleichviel, ob der Gedanke im Ich, fressend, sich bejaht, im Ich, gefressen, sich verneint: —einheitliches Verlangen. Unberührt bleibt der Gedanke, ungeteilt—Unterscheidung, Teilung, Entzweiung, Zwiespalt und Gegensatz ist durch Ich und Ich Dies ist kâma, Verlangen, in gegen-Teile ent-zweit, als Wille und wider-Wille erscheinend; im zu-Stand-Ich und im gegen-Stand-Ich; Ich räumlich auf zwei Standorten. Ich-ent-Zwei-ung.
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Nunmehr der Gegensatz im atmenden Verlangen in der Zeit erscheinend. Nichts weset ohne ein Zweites, kein Ding ohne seinen Gegensatz, kein Willen ohne gegen-Willen—kein Leben ohne Atem des Willens, wie kein Atem ohne Einhauch und Aushauch. Es geschieht, daß in den Beiden, die sich bekämpfen, eine Wendung im Verlangen eintritt: Im Sieger nach geschehener Tat: die Gier ist befriedigt, die Lust verraucht. Wie am bewegten Schöpfrad der Eimer gefüllt emporsteigt und entleert wieder herabsinkt, so füllt sich das Verlangen, übersteigt den Höhepunkt und fällt. Bisher zurückgedrängte Gedanken drängen vor. Der Sieger versetzt sich in die Lage des Opfers; das Mitleid erwacht, der Umschlag erfolgt; man sagt wohl: er ist nicht mehr derselbe, er ist ein anderer geworden: "ich will nicht töten, es ist Unrecht. Lieber Unrecht leiden als Unrecht tun, lieber selber den Tod erdulden, als andere töten." Sodann im Unterliegenden: "mein Widerstand ist vergeblich; ich unterliege." Bisher zurückgedrängte Gedanken drängen vor. Erinnerung an eigene Untat wird wach, der Umschlag erfolgt: "es geschieht mir Recht, ich verdiene den Tod; ich will mein Unrecht büßen, will meine Sünde sühnen: töte mich, ich sterbe freudig." Der Kampf ist aufgegeben, Frieden ist gewonnen; Aufopferung hat Raubgier abgelöst. Verraucht ist das Verlangen, aller Sittlichkeit höchstgepriesenes Ziel erreicht—erstanden das Wunder: Selbstlosigkeit.