Namen des Verlangens vom Ich aus.
Ich—nicht-Ich m-Ich empfunden—d-Ich vorgestellt in der Seele unmittelbar gewußt—mittelst der Sinne erfaßt als eigen erkannt—als fremd verkannt innen-Zustand—außen-Gegenstand wechselndes Verlangen—Entzweiung einheitlichen Verlangens geänderter Wille—eines anderen Wille eigener Widerwille—fremder Widerstand Wandel, seelische Empfindung—Wandel, körperliche Bewegung Ursache—Wirkung Wille—Kraft Freiheit—Notwendigkeit Einbildung—Vorstellung ur-Teil—gegen-Teil Zeit—Raum Seele—Körper werdende—gewordene
Welt.
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Ich, durch-ur-Sprung—ur-Teil, un-zu-langend—ver-langt; Ich ur-Teil verlangt nach dem gegen-Teil. Darum ist Ich Verlangen. Alles Verlangen ruht auf Unzulänglichkeit, auf Bedürfnis, auf Mangel, auf Gebrechen, auf Bedrängnis, auf Sehnsucht, auf Furcht und Hoffnung, auf Not und Qual; alles Verlangen ruht auf Zwiespalt, auf Zwiespalt der Seele, alles Verlangen auf ur-Sprung. Alles Verlangen ist Verlangen nach er-Gänz-ung, Verlangen nach wieder-ver-Ein-igung mit Gottheit. Ich empfindet sich Bruchstück, darum hungert Ich nach dem Entgangenen; darum lebt alles Ich außer sich, darum ist alles Ich friedlos; darum sucht Ich, begehrt Ich, sehnt sich nach anderem, bewegt sich, neigt sich, nähert sich anderem, nährt sich von anderem. Eines Wesens ist, wenn der Spalt im Holz sich zu schließen trachtet— wenn ein Ich bewußt will; Enzweiung will Zu-eins-paarung. Aus Einer Quelle fließt: sich eines Anderen Seele nähern—sich von eines Anderen Körper nähren. Darum lebt Alles dieser Welt durch Nährung, durch Ein-ver- leib-ung, durch an-Eign-ung; darum lebt alles Ich durch ein anderes und lebt kein Ich ohne nicht-Ich, und lebt alles Ich durch nicht Ich —seelisch wie sinnlich. Also beschränkt sucht Ich Unbeschränktheit, also unvollständig sucht Ich Vollständigkeit, also unvollkommen sucht Ich Vollkommenheit, also verstoßen sucht Ich nach dem verlorenen Paradiese, also vereinsamt und verlassen schreit Ich um Hilfe—es verlangt alles Ich nach Allumfassen, nach Alleinheit, nach Vollendung—nach Nirvana. Es verlangt m-Ich—Ich muß verlangen, muß außer sich wollen, muß von Anderem leben, muß jagen und erbeuten, muß würgen und fressen. Ich muß alles nicht-Ich zu sich wollen, muß an-eign-en wollen, muß für sich lieben und hassen, muß wider alles nicht-Ich stehen, muß allem nicht-Ich Gegner und Feind sein solange Ich 'Ich' ist. Es ist kein Ausweg. Wer das Heil im Ich sucht, dem ist Selbstsucht geboten. Alles ich lebt nur durch Selbstsucht. Alles Ich, blind durch Ichheit, von Ichheit besessen, vermeint in s-Ich das höchste Gut zu verteidigen—: zum Bewußtsein erwachende Gottheit. Darum ist zwischen Ich und Ich ewige Tat, ewiger Widerstand, ewiges Wirken, darum ist die Wirklichkeit dieser Welt ewiger Kampf. Darüber ist gesagt: "aus Verlangen und Nährung hat Brahma diese Welt gebildet". Das Verlangen ist Lust; das Lust-verlangen ist endlos. Wie ein Mann nach dem Weibe verlangt—und würde er auch in solchem Verlangen ganz zum Weibe—nicht befriedigt ist, nunmehr nach dem Manne verlangt, so verlangt das Ich nach dem, was es nicht ist, und wenn es das Verlangte erlangt hat, ist es dennoch voll Verlangen. Ich ist Verlangen, das Verlangen ist endlos. Ich verlangt nach Allem, was es nicht ist. Ich, sich selbst im Anderen verkennend, jagt nach sinnlich sinnlosem Ziele—endlose Täuschung der Sinnenwelt—Sinnlosigkeit der Sinnenwelt—sinnlos, weil sinnlich. Alles Verlangen ist Verlangen zu sich, alles Verlangen ist Ich Verlangen. Es gibt kein selbstloses Verlangen. Kein Ich ist leer von Verlangen. Verlangen erfüllt, bewegt, belebt, beseelt das Ich. Ich ist nur durch Verlangen. Ich in aller seiner Gestaltung ist Verlangen— Ich, das verlangend, nie erlangt.
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Auf Einem Gedanken ruht diese Welt: Verlangen nach Wiedervereinigung mit Gottheit; im Verlangen ist Bindung und—Lösung dieser Welt. Nichts außerhalb des Verlangens; nichts was nicht im Verlangen zum Ich in Beziehung steht. Verlangen ist allüberall, Verlangen ist allgegenwärtig, Verlangen ist immer. Verlangen ist nie gestillt. Verlangen birgt sich in allem Geschehen, in aller Tat, in allen Gestalten, unter allen Namen dieser Welt—ver-Langen nach ver-Einigung! sinnlich und seelisch. Anziehung und Abstoßung ist Verlangen, brünstige Wünsche— inbrünstiges Gebet, Liebe wie Haß. Niederste Gier ist Verlangen nach dem Höchsten. Tiefster Samsara hat höchstes Ziel: Eines ist was dich —dich Körper, dich Seele—zu Nahrung treibt, zu Erwerb, zu Weib und Kind, zu Macht, zu Entsagung, zu Erkenntnis, All-Einheit, Vollendung, nirvana. Verlangen führt dich in die Welt, Verlangen hält dich in der Welt befangen, Verlangen führt dich über diese Welt des Verlangens hinaus. Also geschlossen im Verlangen ist die ewige Kette; also löst sich aller Irrtum, alle Sünde dieser Welt: durch Verlangen ist Samsara, durch Verlangen ist Nirvana. Endloses Verlangen erscheint als endloses Werden.
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Ur-teil-Ich-er-Schein-ung lebt nur Einen Gedanken:
Durch ur-Sprung—ent-Zwei-ung; durch Entzweiung—ver-Langen,
nach wieder-ver-Ein-igung.
Alles Ich will sich, will Alles zu sich,—en-will sich zum All.
Also hält Verlangen nach Vereinigung zu sich alles Ich
auseinander.
Durch Entzweiung—Vereinigung; durch Vereinigung—Entzweiung
—Unergründlichkeit—Ewigkeit des Ur-sprungs.
Die Ich-bin-heit hält Ich und Ich auseinander. Asmita ist Schöpfer
dieser Welt. Keine Erlösung im Samsara. Keine Seeligkeit, keine
Erlösung im Ich.
Ur-Teil-Ich durch ur-Srung ab-geschieden, unterscheidet: Ich—
Welt; sieht sich Bestand, Akasha; fühlt sich Verlangen, kâma;—
unterscheidet in Akasha atmend: Zeit—Raum; unterscheidet in Kâma
atmend: eigenen Willen—fremde Kraft—
Alle unter-scheidung durch ab-Scheidung im ur-Sprung in ur-Teil
und Gegen-Teil.
Sehend geworden erkennst du:
Es ist der Welt, die dich lebt, Atmen:
— Atma —
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