Also ist die Unterweisung:
Wie im dichtgeschlossenen Raume dein Atem die Luft verdirbt und
die verdorbene Luft auf dich vergiftend zurückwirkt—
—wie ein fliehender Feind, von dir verfolgt, sich wendet und
dich aus Tat und Angriff zu Abwehr und Leid zurückdrängt—
—wie das Geschoß der schwarzen Haut im Wurf auf dich zurückkehrt—
—wie dein Schwert, am Widerstand abprallend, dich selbst trifft—
—also ist Karma: Tat und Widerstand, Wirkung und Rückwirkung,
Ausgleich, Vergeltung, ewige Gerechtigkeit—Wirklichkeit dieser Welt.

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Karma, Wirklichkeit dieser Welt, wirkt sich in dir aus Ursache und Wirkung. Ursache und Wirkung erscheint mit dem Zerfall in Ich und nicht-Ich. Du empfindest eigner Tat Ursache in dir, schaust eigner Tat Wirkung außer dir, am wider-Stand; Widerstand ist Wirkung auf dich; Wirkung auf dich begreifst du als fremder Tat Ursache. Ursache wird Wirkung, Wirkung wird Ursache. Die Tat bedingt das Ergebnis, das Ergebnis bedingt die Tat; Voraussetzung ist Enderfolg; Folge ist Bedingung. Alle Wirkung ist in der Ursache; alle Wirkung ist Widerwirkung, Ausgleich von Ursache und Wirkung—Wechselwirkung— wie zwei Mühlsteine sich aneinander schärfen.—Eines Vorganges geschiedene Auffassung in dir, ur-teilende Namen. Was du fremd anschauend 'Ursache oder Wirkung' nennst, nennst du beteiligt 'Willen oder Unwillen' in dir. Je nachdem du willig-un-willig tust oder duldest, je nach Willen oder Unwillen in dir, erscheint verschieden, was Eines ist. Eines ist, was du willkürlich scheidest—Eines ist Tat aus dir und Wirkung auf dich—Eines, was du seelisch auslegst und was du dir sinnlich vorstellst. Tuend nennt sich Ursache, was leidend sich Wirkung nennt, Beid-einheit—scheinbare Zweiheit durch zwiefache Benennung desselben. Vor der ewigen Ich-gegenwart erscheint, was Eines ist, zu einer zeitlichen Kette auseinandergezogen, erscheint in Glieder zerstückt— ineinander greifende Glieder einer unlöslichen Kette von Ursache und Wirkung. Was in sich Eines ist, erscheint uns zeit-räumlich Schauenden zu Aus-ein-ander-folge ausgedehnt. Es scheint, als sei Zerfall in Ur-teil und Gegen-teil, als sei Zu-stand und Gegen-stand, als sei Empfindung durch Wirkung des Empfundenen, als sei Folge und Folglichkeit. Keine Zeit an sich, kein Raum, keine Ursache, keine Wirkung, keine Folge, keine Folglichkeit. Weil an sich keine Ursache ist, weil an sich keine Wirkung ist, darum ist keine Ursächlichkeit an sich. Im scheinbar bedingenden Worte "weil" liegt keine Ursächlichkeit; "weil" besagt nur: der weile, das ist: zur selben Zeit—nichts mehr. Im scheinbar folgernden Worte "darum" liegt keine Folgerung; "darum" besagt nur: daherum, das ist: am selben Ort—nichts mehr. Scheinbare Zweierleiheit zur selben Zeit am gleichen Ort ist Eines. Die scheinbar bedingenden, scheinbar folgernden Worte aller Sprachen besagen nur: in Zeit und Raum zusammenfallende Erscheinung, Beid-einheit—nichts mehr. Raumanstoß ist Zeitfolge—Selbeinheit, nicht Folglichkeit. Was du Ursächlichkeit, Folge, Folglichkeit nennst, ist Fluß lückenloser Empfindung in dir, endlos in Einhauch und Aushauch atmende Willensbeziehung zum endlos aus dir geschaffenen Gegen-stand.— Nichts in der verlangenden Sinnenwelt, was nicht in Beziehung zu deinem Verlangen steht. Sinnliche Erscheinung ist Ausdruck deines seelischen Verlangens; Eines, durch rastlos irrendes Verlangen geschieden, und so, seelisch geschieden, sinnlich als Verschiedenheit geschaut. Wechselnde Eigenschaffung in dir erscheint außer dir als Wechsel der Beschaffenheit; zu-Stand und gegen-Stand bedingen einander; ändert sich dein Seelenzustand, so ändert sich deinen Sinnen der Gegenstand—erfasse es wohl: beides ist Eines. Folglichkeits-erscheinung ist sinnliche Anschauung des Wechselnden im Beharrenden; Selbeinheits-erkenntnis ist seelisches Erschauen des Beharrenden im Wechselnden. Anscheinende Gesetzmäßigkeit ruht auf Vielheitstäuschung, das ist: deiner sinnlichen Auffassung zeit-räumliches Aus-ein-ander-fallen des in sich Einheitlichen. Folglichkeit—nur aus-ein-ander-gezerrtes Bild der Selbigkeit; ein Hinweis, daß Raum und Zeit bloße Erscheinung sei und nicht in sich. Kein Folglichkeitsgesetz dem Wissenden. Zerfall in Ursache und Wirkung erscheint mit dem Zerfall in "Ich und Du" im Ursprung; erscheint mit dem Zerfall des Ich in Zeit und Raum.—Wie Nacht dem Tage folgt und Tag der Nacht, so folgt in endloser Flucht des Geschehens Wirkung auf Ursache und Ursache auf Wirkung. Ursache bewirkt und Wirkung verursacht. Wie einer Sohn seines Vaters ist und Vater seines Sohnes, Vater und Sohn zugleich, so ist Ursache Wirkung und ist Wirkung Ursache—Wirkung und Ursache zugleich. Vieler Worte bedarf es, Selbstverständliches darzulegen: Eines ist Ursache und Wirkung—willkürliche, an sich nichtige Unterscheidung in dir; doppelte Benennung des Einen, zwei Worte für dasselbe: Wirklichkeit, Karma—durch dich—auf dich wirkend; Kreislauf des Verlangens.

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Und ferner, o Teurer, Karma, Wirklichkeit dieser Welt wirkt sich
in dir aus Freiheit und Notwendigkeit.
Freiheit des menschlichen Tuns, o Teurer? oder unabwendbare
Gesetzmäßigkeit alles Geschehens? Offenbar wird dem Erkennenden die
Lösung der großen Frage an aller Gestaltung, in jedem Vorgang, an
allem Werden, an allem Sein. Dasein; alles Gewordene aus gebundener
Freiheit. Du durchschaust das Rätsel am aufsteigenden Opferrauch, am
Lauf der Gestirne, am Monde, an jeder Zelle. Alles Gebilde ist davon
Bildnis; Urbild aller Gebilde—der Zwölfflächner.
Erwäge es wohl! So lange du die endlose Flucht der Erscheinung
'teilend' zu beherrschen glaubst, so lange irrst du im Wege zu
Erkenntnis—: 'einigend' nahst du dem Hohenziel.
Erwäge es wohl! Nur die voll erkannte Lehre löst dich aus den
Fesseln der Unwissenheit—: nicht eher offenbart sich dir das
Geheimnis; nicht eher erwachst du aus vieltausendjährigem Schlummer.
Nicht überliefert wurde mir die Lehre von der Gemeinschaft
schauender Meister; aus dem Urquell alles Gedankens ward mir die
Lösung, die seit dem Erwachen der Menschheit gesuchte.

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Also ist die Unterweisung: Wie ein Ball, aufschlagend, sich abflacht— —wie runde Beeren, in der Traube zusammengedrängt, zu kantigen Formen auswachsen— —wie Wasserblasen im Schaumballen, einander bedrängend, aus der erstrebten Kugelgestalt mit Notwendigkeit zu Zwölf-flächnern werden— —wie die gewollte Kreisform dicht aneinandergeschlossener Bienenzellen sich mit Notwendigkeit zum Sechseck gestaltet— —so widerfährt dem Ich im nimmer endenden Verlangen, nach allen Seiten frei und ungehemmt sich auszubreiten,—notwendig Hemmung von allen Seiten, von allen Gegen-ständen Widerstand— —so gestaltet sich, was du Freiheit nennst, zu Notwendigkeit; das ist: durch freien Willen Aller—notwendig gebundener Wille Aller— und du erkennst: Aller Freiheit ist Aller Notwendigkeit. Dies ist Lösung der großen Frage, um die du mich angingst: Freiheit des Willens oder unabweisbare Notwendigkeit alles Geschehens —restlose Lösung. Was unergründlich schien, was Jahrtausende vor mir Morgen- und Abendland, alte und neue Welt, Rishi und Mahatma, vergeblich suchten—gefunden ist die Lösung des tiefen Rätsels, durchschaut der Widerspruch, erkannt die Einheit im Gegensinn.

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Einfach ist alle Wahrheit: Freiheit—zu-Stand des Ich, Notwendigkeit—gegen-Stand. Als frei getan empfindest du, was dein eigen, als notwendig geduldet, was dir entfremdet; Freiheit, was du willig in dir, Notwendigkeit, was du unwillig als draußen erachtest. Im Bereich des Ich-bewußtseins heißt Freiheit, was darüber hinaus, dem Weichbild des Ich in Raum entwichen, Notwendigkeit heißt. Aller Ich bewegt frei den eigenen Willen, Aller Ich empfindet sich mit Notwendigkeit bewegt vom frei bewegten Willen Aller. Freien Willen, also gehemmt, empfindest du als Unwillen; empfundenen Unwillen legst du aus als fremder Kraft not-wen-dige Wirkung; auf dich rückwirkende Freiheit nennst du Notwendigkeit; Wirkung aus dir—Wirkung auf dich.—Was du frei aus dir tust, bindet dich notwendig. Freier Wille durch gegen-Stand not-wend-ig bestimmt; freier Wille in der Sinnenwelt gebunden. Was ich will, will ich frei—ist Freiheit und Lust; was ich wider meinen Willen dulde, ist Unlust, Beschränkung, Notwendigkeit. Je nachdem ich dem mächtigen Zuge der Welt willig folge oder unwillig widerstehe—je nach dem ich willig-un-willig umfasse oder un-willig-willig entlasse—je nach meinem Ziel im Verlangen— erscheint verschieden, was Eines ist. Was du in dir freien Willen oder fremden Willen außer dir nennst, ist einheitliche Beziehung inzwischen Ich und Ich, von beiden Seiten gleichzeitig als eigene Freiheit, von beiden Seiten gleichzeitig als fremder Zwang empfunden. Kein Gesetz dem Wissenden: Aller Freiheit ist aller Gebundenheit—Aller Wille ist Aller Gesetz. Davon ist gesagt: "Gebunden ist Seele durch Seele." Was sie Gesetz nennen, ist gehemmtes Verlangen.

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