Die Welt stand nämlich damals politisch nicht ausschließlich unter dem Zeichen der Revolutionen zu Gunsten eines zu erringenden Konstitutionalismus, es war zugleich die Zeit der politischen Insurrektionen. Und Europa, obschon kein Staat die Hände rührte, diesem in seiner politischen Sünden Maienblüte getroffenen Volke zu neuer Selbständigkeit zu helfen, zerfloß in romantischem Mitgefühl mit ihm. Es war die Zeit, da die Blätter teils mit Wollust, teils mit Entrüstung ihre Spalten füllten mit Berichten über die Heldenthaten der Sensenmänner Galiziens, über die Umtriebe Mieroslawskis, und über die grausame Barbarei, der die edlen Söhne der sarmatischen Ebene in Rußland erlagen, da kaum ein Pinsel, kaum eine Feder war, die, sich lieber der Vergangenheit zukehrend, wo die Gegenwart so ungewiß war, nicht etwas zur Verherrlichung Poniatowskis oder des Todesrufes Kosciuszkos leisteten. Die Zeit, da polnische Flüchtlinge der Welt den Zauber der pelzverbrämten Schnürröcke, der Kassawaikas und Konföderatkas übermittelten, die alten einheimischen Tänze von feurig-schwermütigen Polkas, Mazurkas und Krakowiaks verdrängt wurden, und die Romanhelden auf Kasimir und Ludmilla hörten.

In der Badegesellschaft zu Salzbrunn machte sich dieses interessante Element ebenfalls geltend. Es gab echte Polen dort, aus deren düstern Mienen der ganze Schmerz der vernichteten Nationalität sprach, Polinnen in Nationaltrauer: schwarzen Kleidern mit schmalen weißen Streifen am Saum und mit dem Ausdruck wehmütigen Selbstgefühls, das das allgemeine Unglück ihnen verlieh. Und daneben gab es dieses Modepolentum, die melancholischen Schnurrbärte, die Pekeschen und viereckig geschnittenen Mützchen:

»Polkahöschen trägt der Kleine,
Polkajäckchen die Mama,
Polkamütze, Polkalocken,
Polkaröckchen der Papa,«

heißt es auf einem Bilderbogen der Vierziger Jahre.

Kurz das Polnische war die Mode, und zwar war es eine gefühlvolle Mode. Wie hätte sie nicht besonders eine der Frauen sein sollen, denen jene Zeit das »schöne Gefühl« neben der Wirtschaftlichkeit als Domäne zuerkannte.

Madame Gernoth teilte es nicht, sie war nicht sentimental, trotz ihrer Zeit. Als die Polka noch schmetternd den Platz erfüllte, stand sie auf und zog die Kleine fort. »Diese polnischen Hopser! Ob sie nichts Vernünftiges mehr können.«

Zweites Kapitel.

Es war halb Acht und die deklamatorisch-musikalische Abendunterhaltung sollte ihren Anfang nehmen.

Der Gasthofsaal, mäßig erleuchtet, roch nach frischgewaschenem Holze, war aber gut besetzt von einer Gesellschaft, die man als gemischte, indes nicht im üblen Sinne des Wortes, bezeichnen konnte.

Man saß an den Wänden herum oder stand in Gruppen in den Winkeln, trank Vanillethee mit Sahne und sprach vom Wetter, von der Weltlage und von einem neuen Pariser Westenschnitt. An einem Ende des himmelblau getünchten Saales stand ein engbrüstiges, merkwürdig eckiges Fortepiano, dessen Klaviatur schwarze Unter- und weiße Obertasten hatte, ein Geigenpult und ein kleiner Tisch mit silbernen Armleuchtern und einem Glase Wasser. Von der Decke herab hing ein steifer Kronleuchter mit schiefstehenden Lichtern, in den Ecken markierten ein paar magere Epheulauben lauschige Plätzchen.