Die Toiletten der Damen waren einfach, doch sah man zwischen philiströsen Spitzenhauben und Barben ein paar extravagante Haartrachten, zwischen bescheidenen, recht bescheidenen Festgewändern, die Jahrzehnte hindurch ihren beinahe sakramentalen Charakter als »gute Kleider« in unabgeänderter Form behielten, einiges nach neuen Pariser Blättern. Die Haltung – nicht nur der Frauen – war ein wenig geziert: die »schöne Empfindung,« das »gebildete Gefühl« beherrschte die Zeit und drückte sich in den Mienen auch der Männer aus. Aber zwischen den wohl Toupierten und Steifbevatermörderten, Bartlosen unter ihnen sah man ein Paar mit wildem Haarwuchs, ungestärkter Wäsche und großen Bärten, welche Demokraten sein mochten.

Als die Registratorin mit ihren nicht mehr ganz jungen und niemals hübsch gewesenen Töchtern und der schönen jungen Doktorin eintrat, war der Saal fast gefüllt und hundert neidische oder entzückte Blicke richteten sich auf Wanda Rhode, die in dem Bewußtsein ihrer siegreichen Erscheinung und in der Erwartung des Verheißenen trotz ihrer einfachen Kleidung reizend aussah.

Zuerst trat Holtei auf, der schlesischeste Dichter, den Schlesien gehabt, eine schöne, stattliche Erscheinung, groß, mit langherabwallendem Haar, das Prototyp des leichtverbummelten Genies und edelmännischen Wanderkünstlers; ganz und gar von jener leichtbeweglichen, etwas eiteln Art, die mit einer Beimischung von Rührseligkeit und bewußter Gemütlichkeit den Schlesier alten Schlages charakterisiert.

Er las ein paar Scenen aus »Lorbeerbaum und Bettelstab« mit der ihm zu Gebote stehenden Vortragskunst, die ihm immer Erfolg sicherte und auch hier rauschenden Beifall eintrug, den der gefeierte Mann mit einer Handbewegung entgegennahm, wie eine gutgelaunte Majestät die Ovationen eines Volkshaufens.

Dann trat ein Geiger auf – man flüsterte sich einen zungenbrechenden Namen zu – und trug Variationen über ungarische und polnische Volkslieder vor, und er spielte sie mit der Schwermut, der Innigkeit und der Raserei, mit denen diese Stücke zur Geltung gebracht werden mußten. Man applaudierte ihm entzückt, nannte ihn unter sich einen Meister ersten Ranges und behauptete, daß er mit Chopin befreundet sei.

Dann wurde es hinter dem Fortepiano lebendig. Man konnte nicht gleich sehen, was oder wer sich da zu Kunstproduktionen heranließ, schließlich verständigte man einander doch: ein kleiner, verwachsener Jude schicke sich an, das Instrument zu bearbeiten. Und da erklangen auch schon die ersten Accorde der Cismollsonate, die er mit Meisterschaft den Saiten mit dem kurzen, spitzen Klange entriß.

Man war ergriffen, begeistert, entzückt. Der Pianist dankte und teilte den geehrten Anwesenden mit, daß Herr Witold von Kreowski einige von ihm gedichtete und komponierte Lieder vortragen werde. Worauf ein junger Mann in Sammetpekesche und mit dunklem, leichtgelocktem Haar zögernd hervortrat, etwas Weißes, das er in Händen hielt, langsam entrollend.

Gleich darnach begann der Gesang:

»Ich weiß nicht, ist es Unrecht,
Ich weiß nicht, ist es Schuld,
Ist es mir Fluch des Schicksals,
Ist's neuen Glückes Huld.
Ich frage nicht, liebst Du mich,
Bin ich Dir auch nur wert,
Noch hab ich Deiner Liebe
Verlangend je begehrt.
Ich breite meine Arme
Zum Himmel jubelnd laut,
Wie wunschlos man zur Sonne,
Wunschlos und jubelnd schaut.
Du bist – und Glanz und Wonne
Umfluten strömend mich,
Ich habe Dich gefunden.
Und jauchzend lieb ich Dich.«

Wanda Rhode wagte nicht aufzusehn, sie wagte kaum zu atmen, es war ein Lied, das sie besser kannte als tausend andere, und doch erschien es ihr in dem Vortrage seines Verfassers und Komponisten, frei herausgesungen vor allen diesen fremden Ohren, ein neues, von ihr abgelöstes, das auf sie keine Beziehung mehr hatte. Und dann schon im nächsten Augenblick wie ein nur ihr dargebrachter, unter dem Deckmantel der Öffentlichkeit ganz allein an sie gerichteter Gruß, wie die stärkste Huldigung, die sie je erfahren. Und eine Verwirrung nahm sie gefangen, die etwas von den glühenden Nebeln hatte, die dem Dunkel eines Waldbodens entsteigen, während purpurne Strahlen der Abendsonne sie durchdringen, etwas von einem Zwange, in zu heißer Luft zu atmen oder in ein zu helles Licht sehen zu müssen. Die Registratorin stieß sie mit dem Ellbogen an: »Nein, daß Ihre Frau Mutter das nicht hört!« und ihre Töchter seufzten: »himmlisch« und »reizend«.