Indessen präludierte der kleine Musiker schon etwas Neues und Herr Witold von Kreowski entfaltete ein anderes Notenblatt. Gäbe der Himmel, daß er sich jetzt mit einer Ballade oder einer Ode an den Frühling aus der Affäre zog! Aber der Sänger erfüllte diesen Wunsch nicht. Er schien nichts als die indiskrete Sucht aller Dichter zu haben, der Welt seine Gefühle mitzuteilen.
Er schwieg und das Publikum schwieg auch, lautlos verharrend in dieser Erschütterung der Empfindung, die der höchste Beifall ist. Bis es dann doch rauschend losbrach, stürmisch, Wiederholung verlangend.
Wanda Rhode hatte jetzt den Kopf erhoben und ließ ihre Blicke über die Versammlung schweifen. Und sie sah den Schmelz in den schwimmenden Augen der Mädchen, die elegische Wehmut auf den zuckenden Lippen der Frauen, den tiefen Ernst, die sinnende Trauer in den Zügen der Männer, die Demut, mit der sich selbst Greise dem Ausdruck der stärksten Empfindung beugten; und die siegende Allmacht der Liebe, die sich in jedem schwingenden Nerv, in jedem leise gehauchten Seufzer und in diesem plötzlich ausbrechenden Dankessturm für den Sänger aussprach, wurde zum Triumphe für sie, der sie auf einen Thron erhob, vor dem sich jedes Haupt beugte, ohne zu wissen, daß er mitten unter ihnen stand. Jetzt war sie nicht mehr befangen: wer herrscht, weiß auch die Stirn hoch zu tragen.
»Ach Frau Doktorn, wie entzückend!« seufzte die gute Frau, die sie chaperonnierte. »Aber es scheint, der arme Mensch hat eine unglückliche Liebe.«
»Herr Joachimsthal spielt noch einmal,« flüsterte Registrators Bertha. »Was mag es für ein Stück sein?«
»Es ist der Türkische Marsch von Beethoven.«
»Konnte der Beethoven türkisch? Diese Leute müssen doch zuviel wissen!«
»Das geht schön, sehr schön, Frau Doktorn.«
Wanda lächelte. Sie vernahm nur einen unbestimmten Lärm vom Klavier her – deutlich hörte sie nur eins und immer wieder nur eins: