| »Und größer als aller Sehnsucht Qual |
| Ist meine Liebe zu Dir.« |
Alles um sie her schwamm in Licht, Tönen und Versen, berauschte sie mit seligem Gluthauch und ließ sie alles vergessen: Vergangenheit, Zukunft und die eigene Gebundenheit und gab ihr ein grenzenloses, alles aufhebendes, unbeschreibliches Gefühl.
Nachdem diese Nummer und noch einige ferneren Deklamationen, Cello- und Flügelstücke beklatscht worden waren, – sich verschiedene Herren in der Gegend des Flügels die Hände geschüttelt und bekomplimentiert hatten, das Badepublikum sich genügend versicherte, daß es so gelungene Vorträge bisher nicht gehabt hätte, die »Marköre« in kurzen Jacken frischen Vanillethee und Mandelplätzchen ausgeboten, kamen einige »Orschester«-Mitglieder mit Flöte, Brummbaß und Violine und ließen sich, nachdem sie gründlich gestimmt, zu einer Polonaise herbei, einem Tanze, dessen Verbreitung wohl ebenfalls in irgend einer Weise mit den Teilungen Polens zusammenhängen mochte.
Wanda Rhode zuckte es in allen Gliedern vor Spannung, was die nächsten Augenblicke bringen würden.
Kreowski hatte sie noch nicht gesehen. Wenn es geschehe, würde er an sie herankommen? Und was würde er dann sagen? – In dem Gasthofsaale mit dem Geruch nach frischgewaschenem Holze, tropfendem Wachse und Patschouli – damals noch ein vornehmes Parfüm – schwebte etwas wie eine Schicksalsfrage.
Zunächst sollte sie nicht gelöst werden. Mit vielen Bücklingen näherte sich Wanda der Badevorstand, von einem Schwarme jüngerer Herren begleitet, die vorgestellt sein wollten. »Hier Herr Müller, Herr Brand, Herr von Makowski, Herr Supphahn und Herr Hielscher, die sämtlich die Polonaise mit Ihnen tanzen wollen, mein schönes Fräulein.«
»Bin weder Fräulein, weder schön, kann nur mit einem zum Tanze gehn.«
»Alles in der Welt können Sie behaupten, selbst das erste und das dritte – aber das zweite nicht,« sagte der Vorstand. »Aber bitte sich zu entscheiden. Wenn ich nicht weißes Haar hätte, so würde ich bitten, die Polonaise mit mir anzuführen – wie, meine schöne Frau, Sie wollen mir die Ehre geben?« Und die Herren Müller bis Hielscher, die bisher einige hungrige Komplimente gemacht hatten, zogen sich sachte zurück.
»Den nächsten Tanz, meine Herren,« sagte sie und schob ihren Arm in den des alten Galans. Und nun konnte sich wirklich keiner beklagen.
»Sie ist bezaubernd,« sagte einer der jungen Herren, »sie hat meergrüne Augen und die Gestalt einer Hebe und in ihrer Stimme ist Musik.«