Der Brief! Florentine Gernoth wog ihn einen Augenblick in der Hand und legte ihn dann in ihr Strickkörbchen. »Das hat Zeit!«
Sehr zärtlich war das gerade nicht gewesen. Aber, lieber Gott! drei Kinder in vier Jahren, zwei davon wieder gestorben, und diese Qualen, Sorgen und Mühen, die das arme Ding damit durchgemacht – ja was wissen denn die Männer, wie es nach alledem im Gemüt einer jungen Frau aussieht? Wie ihr der Mann damit zu einem Objekt steter Angst, seine Zärtlichkeit zum Grauen, sein Verlangen zur verderblichen Gefahr wird, wie die innigste Liebe hinstirbt in dieser beständigen entsetzlichen Furcht vor Wiederholungen des Schrecklichen! Erst neulich hatte Wanda ihr gestanden, daß das Schönste an diesen fünf Wochen im Gebirge die Befreitheit von der Angst vor neuer Mutterschaft sei, und wie sie am liebsten alles vergessen möchte, was hinter ihr läge, alles, sogar daß sie überhaupt einen Mann habe.
»Das hat Zeit!« Madame Gernoth seufzte. Seufzte über Frauenlos und »Eheglück« und in noch irgend einer Bangigkeit, deren Grund ihr nicht gleich bewußt war. Ja so: diese Verse, die die junge Frau in heller Begeisterung gedichtet und ihr mitgeteilt hatte, Verse von so sprudelnder Lebensempfindung, von einem so jauchzenden Hochgefühl, daß siegender Verstand nur mit Wehmut des Prozesses denken konnte, der alles das wieder zerstören würde. Es nützte Frau Florentine gar nichts, daß sie sie als Ausfluß einer »verrückten Laune« abzuthun suchte, sie blieben der Ausdruck einer starken, lodernden Empfindung, die in ihrer schrankenlosen Subjektivität die ganze Welt in sich hineinzieht. »Verse und Lieder? – weiß ich selber ohne Ende!« Ganz schön! und Wanda hatte sich mit ihnen über tausend Armseligkeiten und Kümmernisse hinweggeholfen – und doch schienen sie ihr ein gefährliches Mittel für die Frau eines Armendoktors, deren Hauptlebensaufgabe darin bestand, zu sparen und Kinder auf die Welt zu bringen. In allem Unharmonischen liegt eine Gefahr. Das hatten schon Frau Florentinens Vater und Großvater erkannt, als sie in ihr und ihrer Mutter denselben Hang zu Versen und Liedern mit eiserner Härte unterdrückten und alles Künstlerische verpönten, bis sie es hassen gelernt, wenigstens die persönliche Beschäftigung damit; und das hatte sie, Florentine Gernoth, erkannt, als sie ihre Tochter in diesem Sinne erzogen. Denn dergleichen läßt sich unterdrücken, das wußte sie – und wußte nur nicht, daß, wo der Hang die Stärke der Leidenschaft hat, er ununterdrückbar bleibt – und sollte späterhin auch in dem kleinen Mädchen, ihrer Enkelin, vernichtet werden! Und obgleich sich die ernste Frau dunkel der Inkonsequenz bewußt war, die diese Absicht und ihre Freude an der frühzeitig sich offenbarenden Begabung des Kindes bedeutete, beging sie sie doch in einem Erziehungsfanatismus, der seine Befriedigung darin findet, die Natur grade da zu verkrüppeln, wo sie am stärksten ist, und die eben damals in der Mädchenerziehung am nachdrücklichsten das Ideal von Weiblichkeit zu erreichen suchte, das die Kultur entwickelt hatte: die aller Persönlichkeit bare, in den engsten Horizont eingeschränkte, mit ihren Händen arbeitende Wirtschafterin.
| »Welt, du bist ein Abbild nur |
| Meiner Liebesfülle.« |
»Hm.«
Neben ihr wurde es unruhig.
»Alle Steinchen heruntergefallen, alle Steinchen?« sagte sie mechanisch zu dem Kinde, das zu weinen angefangen, und bückte sich, die Kiesel, mit denen es gespielt, wieder aufzuheben. Dann nahm sie die Kleine auf den Schoß und bemühte sich, die Wolken von der eigenen Stirn zu verscheuchen, um das Kind aufzuheitern.
| »Das ist der Daumen, |
| Der schüttelt die Pflaumen, |
| Der hebt sie auf, |
| Der trägt sie nach Hause, |
| Und der Kleine – ißt sie alle alleine auf!« |
Da lachten sie beide, das Kind herzlich und ausgelassen, die Großmutter mühsam und mit verhaltenen Seufzern in der Brust.
Die Kapelle hatte inzwischen »Denkst du daran, mein tapferer Lagienka« exekutiert und setzte jetzt nach einer Pause mit einer Polka ein. Auf dem Kurplatze wogte eine bunte Menge hin und her in der uns heut so wunderlich steif und geschmacklos erscheinenden Tracht der Zeit: den weiten, gesteiften Kleidern, den dreizipfeligen Tüchern, ungefälligen Mantillen und korbartigen Backenhüten der Frauen und den engtailligen, breitaufgeschlagenen Röcken, Vatermördern und bunten Westen der Männer, einer Tracht, die an Geschmacklosigkeit und Stillosigkeit nur von der der Möbel und Geräte erreicht wurde, mit denen man sich umgab; und in der man sich dennoch gefiel, sich haßte und liebte, würdig und sogar flott erschien und der übrigens ein fremdnationales Element half, einen gewissen sentimental interessanten oder sogar pikanten Anstrich zu geben.