Frau Gernoth machte ein finsteres Gesicht. »Schäme Dich doch! Hier auf öffentlicher Promenade! Es könnte jeden Augenblick wer kommen.«
»Oder als Ophelia mit Blumen im Haar: ›da ist Fenchel für euch und Agley – da ist Raute für euch, und hier ist welche für mich – ihr könnt nun Raute, mit einem Abzeichen tragen. Denn traut lieb Fränzel ist all meine Lust.‹« Oder sonst was:
| »Und größer als aller Sehnsucht Qual |
| Ist meine Liebe zu Dir.« |
»Hör doch auf. Wo Du nur die Narrheiten her hast.«
»Ich weiß nicht, wie Du bist, Mutter. Du bist glücklich, wenn Du einmal Verse lesen kannst und dann schwärmst Du: wie herrlich sagt der das, wie treffend! und obgleich Du das Theater immer verlästerst, hat Dir letzten Winter die Jungfrau von Orleans wer weiß wie gut gefallen. Aber daß in jemandem neben Dir, daß in Deiner Tochter etwas davon steckt, von dem Talent zu alledem, das willst Du nicht, das ist Dir keiner Achtung wert. Und so seid Ihr alle, alle! Ach, und ich halte es kaum aus vor Unruhe.«
»Aber einer bürgerlichen Frau kommt doch so etwas nicht zu. Wenn jemand zu einer Kunst erzogen ist, das ist doch etwas anderes. Und wenn ein Mädchen zur Hausfrau erzogen ist, so soll sie darin tüchtig sein.«
»Warum erziehst Du denn nicht die Nachtigallen, Hühnereier zu legen?«
»Ich weiß gar nicht, was in Dich gefahren ist.«
»Es ist gar nichts in mich gefahren. Nur in den letzten Jahren war ich tot, und jetzt bin ich wieder aufgewacht. Aufgewacht! Und lebe! Ach, Mutter!«
»Wenn Du nur wieder zu Hause und bei Deinem Manne sein wirst, dann wirst Du schon wieder vernünftig werden. Du bist aufgeregt, weiß der Kuckuck woher. Geh ein Stückchen spazieren.«