Aber es sind schließlich nicht immer die großen Laboratorien gewesen, aus denen die gewaltigen Erfindungen hervorgingen, die berufen waren, der menschlichen Kultur ein anderes Gepräge zu geben, und oft genug ist zwischen unbehilflichem Kram die Fahne aufgepflanzt worden, die weithin flatternd den Völkern die große Friedensbotschaft verkündete: im Anfang war die Kraft.

Doktor Rhode war Armenarzt und hatte einige Privatpraxis. Wenn diese nicht größer und gewinnbringender war, so lag das an seiner Ehrlichkeit. Aufs lebhafteste ergriffen von den Umwälzungen, welche sich gerade damals innerhalb seiner Wissenschaft vollzogen, war er nicht Charlatan genug, mit imponierender Sicherheit aufzutreten, wo neue Entdeckungen die bisher gültigen Behandlungsweisen in Frage gestellt hatten, und obwohl er pflichttreu und hilfsbereit war, fühlte sich ein starker Forschungstrieb in ihm mehr von der theoretischen als der praktischen Seite der Heilkunde angezogen. Er träumte eine wissenschaftliche Laufbahn, die ihm Raum gäbe, den Mängeln der ärztlichen Praxis Abhilfe zu schaffen, die ihn zu einem der Pfadfinder machte, wo sie im Dunkeln tappte. Nie hatte es einen größeren Idealisten gegeben, nie einen anspruchsloseren, der williger Armut und Sorge auf sich genommen.

Indes, so bescheiden er war, noch nie hatte er das Zweischneidige finanzieller Beschränkung so hart empfunden als eben jetzt, da er einer Entdeckung auf der Fährte zu sein glaubte, die von hoher Bedeutung werden mußte.

Man hatte damals angefangen, das Mikroskop für die Heilkunde zu Rate zu ziehen. Er selbst hatte das Glas, das ihm gehörte, vielfach benützt, aber es erwies sich als ungenügend, um bereits Gefundenes nachzuprüfen, um wieviel mehr, Neues festzustellen. Wollte er weiter auf dem Felde arbeiten, zu dessen Bestellung er sich berufen fühlte, war ein besseres Instrument unerläßlich.

Gute Mikroskope aber sind teuer, und er schuldete ohnedies Mechanikern und Droguenhändlern Summen, deren Zahlung ihm Sorge machte. Sollte er diese Schuld ohne zu wissen, wie sie tilgen, um neue vierzig Thaler anwachsen lassen? Sollte er, sie herauszubringen, das häusliche Leben noch karger einrichten, als es schon war? Das war unmöglich.

Dann also verzichten.

Das aber hieß: Wissenschaft, Carriere, geistiges Streben, Inhalt alles Lebens fahren lassen! Für Kraft und rege geistige Arbeit – dumpfes Tagewerk und geistiger Tod!

Seine Seele schrie nach diesem Instrument und das Verlangen danach wurde zum Heißhunger, der seine Forderung nicht mehr einstellte und endlich eine fieberhafte Phantasie in ihm entzündete: sah er doch unter den geheimnisvollen Gläsern schon Wunder über Wunder sich entfalten, Dunkel sich auflichten, Wege sich durch Dickichte öffnen und – fühlte sich dabei angekettet, unvermögend, diese Wege zu verfolgen; wie wir manchmal im Traum einem grenzenlosen Glücke nachstreben und unsere Füße zu Blei erstarrt fühlen. Das Instrument aber ließ ihn nicht los. Er sah es zuletzt auf Schritt und Tritt vor sich mit dieser Lockung des Ehrgeizes, mit der der Dolch vor den Augen Macbeths in der Luft hing. Er streckte den Arm danach aus, und es verschwand.

Schließlich machte der Tod eines älteren Gelehrten den Fall für ihn zu einem akuten. Aus der Hinterlassenschaft dieses Mannes war ihm ein kostbares Glas zu verhältnismäßig niedrigem Preise angeboten worden, den er jedoch sogleich hätte erlegen müssen – eine Gelegenheit, wie sie sich ihm nicht wieder bot. Aber woher auch nur diese 25 Thaler nehmen! Vergeblich zermarterte er sein Gehirn – ihm blieb nur eines übrig: der reiche Schwiegervater.

Ach! er hatte ihn schon des öfteren angehen müssen – aber die Kälte und der Hochmut, mit denen dieser Mann seine bescheidenen Bitten erfüllt, hatten ihn so gekränkt und empört, daß er sich verschworen, lieber zu hungern als ihn jemals wieder aufzusuchen.