Nun – ein Mann hungert allenfalls für Weib und Kind und hungert auch für seinen Beruf, aber wo vielleicht ihrer aller Zukunft auf dem Spiele stand, wo Not leiden vielleicht der Menschheit einen Dienst erweisen hieß –
Doktor Rhode beschloß also zu thun, was zu thun er sich heilig verschworen.
Als er, sich zu dem sauern Gange aufmachend, noch einmal vor den Spiegel trat, erschrak er selbst über das blasse, verstörte Gesicht, das ihm, hager und von scharfen Linien zerschnitten, von dort entgegensah. Er war dreißig und sah um ein Jahrzehnt älter aus, ein mittelgroßer, sehniger, hagerer Mann mit breitgewölbter Stirn, dunklem Haar, tiefliegenden Augen und einer scharfgeschnittenen Nase, auf der eine Brille saß: der Typus des darbenden Idealisten.
Indem er die Blicke von dem wenig erfreulichen Spiegelbilde, das seine Not und seine Überarbeitung verriet, wegwandte, fiel er auf den altmodischen Sekretär seiner Frau, eines der schrankartigen Möbel, das erst durch eine heruntergelassene Klappe zum Schreibtisch wird, wobei eine Anzahl Schubladen und in der Mitte ein abschließbares Verließ bloßgelegt werden.
Rhode blieb stehen und starrte dieses Möbel an, als ob es verhext wäre, als ob etwas Lebendiges darin wäre und mit stummer Sprache zu ihm redete; trat dichter heran, befühlte es, seufzte, trat wieder zurück, zögerte nochmals und machte sich dann schleppenden Ganges auf.
Langsam ging er die schlechtgepflasterten, unsauber gehaltenen Straßen hinunter, die meist von schmalen Giebelhäusern eingefaßt waren, zwischen die sich nur manchmal ein breites, von Wohlhabenheit zeugendes Haus schob; vorüber an den bescheidenen Lädchen und vergitterten Gewölben, in denen es so finster war, daß Käufer und Verkäufer an die Thür treten mußten, um die Ware zu behandeln, über die ärmlichen Holzbrücken, die über die übelriechende Ohle führten, unter den alten Schwibbögen hindurch und den Eisenketten, von denen in der Mitte Laternen herabbaumelten. Es war eine so arme, so klägliche Zeit, es war, als wenn alles hungerte: nach Brot, nach Licht, nach Freiheit, nach irgend etwas Großem und Starkem; eine Zeit, in der man seelisch so darbte, daß man sich vieler Nöte gar nicht einmal bewußt wurde und ihre Übelstände hinnahm wie Unbilden des Wetters; in der jeder Arbeiter noch der von der Habsucht eines Herrn ausgepreßte Sklave, jede Frau noch die Leibeigene ihres Mannes, tausende von Beamten die Hörigen ihrer Vorgesetzten waren, ohne auch nur zu ahnen, daß man sie um ihre Menschenrechte verkürzte.
Die Straßen, die zugleich die Spielplätze der Kinder waren, die damit zu Gassenkindern erzogen wurden, und die Ablagerungsstätten der Fässer und Ballen einer protzigen Kaufmannschaft bildeten, waren von übelsten Dünsten erfüllt, die aus den finstern, unsaubern Höfen herausquollen, von schwerfälligem Fuhrwerk durchschnitten und von Gruppen Aufgeregter belebt, die unreife politische Gedanken austauschten. Studenten in Sammetpekeschen und Cerevis spielten die Rolle moderner Gigerl und verfolgten mit edler Dreistigkeit, was ihnen an jüngeren Damen in weitgebauschten Röcken, planwagenartigen Hüten und karrierten seidenen Spensern in die Quere kam, während an jeder Straßenecke ein ausgemergelter Leierkasten: »Denkst du daran, mein tapfrer Lagienka«, »An Alexis send' ich dich« oder eine Bellinische Arie zum besten gab. Da man den Segen von Sprengwagen noch nicht kannte, waren Sonne, Straßenverkehr, Koketterie und Leierkastenmusik in dichte Staubwolken, wie in einen goldbraunen Nebel gehüllt.
Als Doktor Rhode das Haus des alten Gernoth erreicht hatte, eines der stattlichsten Häuser weit und breit, mit hohen Fenstern und breiten Pfeilern dazwischen, nahm er einen Augenblick den Hut ab und trocknete sich die Stirn, sah an den Mauern in die Höhe und trat ein paar Schritte auf die Treppe zu. Und ganz deutlich sah er die hohe, schlanke Gestalt des immer noch schönen Mannes vor sich und dieses hochmütige Fabrikantengesicht, mit dem er, zugleich ein Phantast, ein Lebemann und ein »Rotürier«, auf den mit Sorgen ringenden Armenarzt herabsah, um ihm danach ein widerwillig gespendetes Geschenk hinzuschieben – und alles empörte sich in der Seele des Sprossen eines Jahrhunderte alten Gelehrtengeschlechtes, eines im Idealismus des deutschen Pfarrhauses Aufgewachsenen, mit allen Kenntnissen der Zeit gesättigten Geistes gegen die drohende Schmach. Den Mann bitten, diesen Mann, der nicht die Spur von Verständnis für Aufgabe und Wesen der Wissenschaft hatte, dessen politischer »Idealismus« nichts war als die Sucht, eine Rolle zu spielen – den bitten – er konnte, konnte nicht!
Und langsam, ganz langsam drehte er um.
Aber mit dem Abscheu vor einer unwürdigen Situation hatte er noch kein Geld. Nun, es würde ihm wohl ein Gedanke kommen, es mußte ihm ja einer kommen.