Er sann und sann.
Aber es fiel ihm nichts ein. Eine kostbare alte Bibel, ein ehrwürdiges Familienerbstück, war bereits einer früheren Kalamität zum Opfer gefallen. Vielleicht fand er gleichwohl noch etwas unter seinen Büchern. Seufzend ging er weiter, diesmal den Weg über den großen Marktplatz, den »Ring,« einschlagend. Ein reicher Mann, dessen Sohne er kürzlich bei einem Unglücksfalle Hilfe geleistet, hatte ihm weitschweifig gedankt, aber seine Honorarforderung unbeachtet gelassen. Schuster und Schneider konnten mahnen, er nicht. An der Universität war ein reicher Geheimer Medizinalrat, der sich mit ähnlichen Untersuchungen beschäftigte, wie er selbst. Wenn er ihm seine kleinen Entdeckungen und großen Mutmaßungen mitteilte, das heißt: verkaufte? – schimpflich! und thöricht zugleich, denn wozu hätte er dann noch das Mikroskop gebraucht?!
Etwas anderes also!
Auf dem Marktplatz blieb er ein paar Augenblicke stehen. Die Qual, die ihn bedrückte, war so groß, daß sie seinen Nerven jene seltsame Eindrucksfähigkeit gab, die die erste Wirkung eines leichten Rausches ist, wie man sagt: Die Gegenstände vor ihm bildeten nicht ein einheitliches Ganze, sondern lösten sich von dem gewohnten Bilde einzeln als scharf umgrenzte ab, das Unauffällige, Gewohnte wurde neu, befremdlich, ein Gegenstand verwunderten Nachdenkens. Er starrte auf das Stadtbild, als habe er es nie zuvor gesehn. Wie unsinnig, Bürgersteig und Fahrstraße mit hundert geschmacklosen und ärmlichen Buden einzuengen, an deren Stirnseiten, der wundervollen altersgrauen Gotik des Rathauses zum Trotz, in dessen Schatten diese Baracken standen, Schuhe, Bürsten, Blechwaren und anderer Haushaltungskram baumelten! Wie unsinnig, Pulverwagen und Schlachtvieh durch die Straßen zu treiben! Wie verrückt, sich von diesen Leierkasten, die man oft zu dreien auf einmal hörte, die Ohren zerreißen zu lassen! Wie ekelhaft diese Krüppel und Siechen, die sich krückenlos mit den Händen über das Pflaster schleppten oder jedem Vorübergehenden ihre Schäden enthüllten! Wie unbarmherzig dieses Anspannen keuchender Lehrburschen vor schweren Wagen, wie schrecklich diese Tierquälereien an den überlasteten Pferden, an den armen kleinen Nachtigallen, deren Käfige im Sonnenbrand an den Straßenmauern hingen, und die geblendet waren, um die Nacht zu glauben, die ihnen ihre Lieder entlockte.
Es war soviel Qual in der Welt, soviel Elend!
Aber ist das ein Trost für die Pein der eigenen Brust, die der Edle empfindet, der helfen möchte und nicht helfen kann, weil ihm die Hände gebunden sind? Ist stumm und ergeben leiden wirklich eine Tugend, wo seinen Schmerz ausschreien vielleicht ein allgemeines Leid verständlich machen und ihm Abhilfe verschaffen heißt, wo die Auslösung der höchsten Energie nicht bloß ein einzelnes Subjekt – nein! eine ganze empfindende Welt beglücken könnte?
Welcher Schmutz, den der Fuß des Wandelnden, den jeder Windzug aufwirbeln ließ! Wie eine dicke Wolke zitterte er in der Sonne und stahl sich in die Lungen, die Augen, die Organe der Ernährung. Welche mörderischen Stoffe mochten nicht vielleicht millionenfach durch diese Straßen wirbeln, mit unsichtbaren Dolchen die Ahnungslosen anfallend. Wer das unter ein Glas bringen und erforschen könnte, seine Zusammensetzung begreifen, seine Wirkung festsetzen – müßte der nicht, dem pythischen Gotte gleich, der Erleger giftiger Drachen, der Vernichter mörderischen Gewürmes, müßte er nicht, auch er, ein Heiland der Menschen werden?!
Ein Hochgefühl, wie es uns bisweilen über uns selbst erhebt, überkam den Einsamen, den Armen, das Bewußtsein eines Reichtums an Kräften, der Würde einer Mission, die grenzenlos waren. Und ihm war das Mittel verwehrt, das diesen Reichtum frei gemacht, ihn diese Mission hätte erfüllen lassen.
Da er aus dem warmen Sonnenschein heraus seine ungastliche Wohnung wieder betrat, umfing ihn ein Frösteln zwischen den kahlen, feuchten Wänden, das von Verzichtleisten und Entsagen sprach. Er seufzte. Er wollte nicht verzichten. Er ging aus einem Zimmer in das andere, aus der mit bescheidenen Kirschbaummöbeln ausgestatteten »guten Stube« in das noch bescheidenere Wohnzimmer, von dort in das Schlafkabinett, in die Studierstube und wieder zurück und sah sich überall um, als erwarte er, ihm bis dahin unbekannte Wertsachen irgendwo aufgestellt zu sehn, zog da und dort eine Schublade auf, als könne seine Frau dort Gelder zurückgelassen haben, sie, die so sorgfältig und sparsam war, und schob sie wieder zu.
»Sparsam!«