Wer hatte denn das Wort ausgesprochen? Es war ihm, als ob in einer der dämmernden Ecken ein Gespenst gestanden, das es gehaucht.
Ja, sie war sparsam. Gewiß, sehr sparsam. Ohne ihren Fleiß und ihre Sparsamkeit hätten sie überhaupt nicht haushalten können.
Schon als Mädchen war sie immer thätig und sparsam gewesen. Es mochte etwas von dem Kaufmannsgeist ihrer Eltern in ihr sein. Er selbst war nicht so sparsam. Oder doch in anderer Weise. Er war anspruchslos, beinahe bis zur Bedürfnislosigkeit, das konnte er von sich sagen, ohne zuviel zu behaupten, aber er konnte es einem andern nicht abschlagen, wenn er ihn dringend um ein Darlehen oder eine Unterstützung anging, und hatte manchen Groschen auf diese Weise hingegeben, den er hätte festhalten sollen.
Aber sie war so sparsam.
Und damit glitten seine Finger leise über die Klappe des Sekretärs, die fest verschlossen war.
Dann trat er seufzend an das Fenster und sah hinaus. Es war nicht sehr belebt draußen. In Gedanken sah er Wanda die Straße heraufkommen mit dem Kinde an der Hand, ganz deutlich sah er sie. Und eine starke Sehnsucht ergriff ihn.
Wie sehr er sie liebte!
Und sie liebte ihn. Nicht ganz so, nicht so leidenschaftlich, nicht mit dem Stolz auf ihn, den er empfand, sie zu besitzen, nicht mit der Sehnsucht, die ihn oft mit Unruhe erfüllte, aber sie liebte ihn doch, und wie teilnehmend und unglücklich würde sie sein, wenn sie wüßte, in welcher Bedrängnis er sich befand.
Er zweifelte nicht im mindesten daran, daß sie alles aufbieten würde, ihm zu helfen, wenn sie könnte, zweifelte nicht, daß ihre Anhänglichkeit für ihn im Grunde genommen dasselbe Gefühl sei, das er für sie trug. Ach! dieser kluge und geistvolle Mann täuschte sich bitter über ihre Empfindung, über ihre ganze Lebensstimmung. Er hatte keine Ahnung davon, daß Wanda zu den Naturen gehörte, die ermüdend und erlahmend in dem traurigen Einerlei eines ärmlichen Lebens, beständig umworben und neuerobert werden wollen, um wirklich besessen zu werden, die etwas von dem Idealismus anbetender Zärtlichkeit verlangen für die Hingabe ihrer Person und ihrer Ideale. Er nahm an, daß für Wanda eheliche Liebe Identitäts- und Solidaritätsgefühl sein müsse, wie er sich einredete, daß sie es für ihn war, für ihn, der ihr nichts von seiner Persönlichkeit geopfert und der immer nur genommen, wo sie gegeben hatte. Er ahnte nichts davon, daß sie sich in der letzten Tiefe ihrer Seelen fremd waren, daß Wanda nicht einen Funken mehr Verständnis oder Ergebenheit hatte für das, was ihn erfüllte, als er für ihre Interessen, ja daß in dieser Tiefe sogar ein unversöhnlicher, wenn auch ganz abstrakter Gegensatz lebte: Der zwischen Begreifen und Empfinden, zwischen Wissenschaft und Poesie.
Er glaubte einfach, daß sie ihn liebte und bereit sein müsse, alles für ihn zu opfern. Es war sein Unglück, daß er so oft etwas glaubte, was nicht war, daß er, die Schärfe seines Verstandes in einseitiger Richtung zuspitzend, in manchen moralischen Dingen so konventionell dachte, so auf der glatten Oberfläche blieb.