Die Naturwissenschaft war in den vierziger Jahren noch nicht das, was sie später wurde. Sie war noch eine tastende, schüchterne Disciplin, die noch keinen Einfluß auf das allgemeine Denken gewonnen, der Menschheit noch nichts von dem großen Positivismus geraubt hatte, der so bequem war. Man hielt noch auf »Systeme.« War es doch so verführerisch, die Welt sich wohlgeordnet und gut zusammengeklappt in die Tasche zu schieben und seiner Wege zu gehn. Freilich war es auch gefährlich; etwa, als wenn sich einer eine wohlverschraubte Granate in die Tasche steckt. Es giebt Momente, wo die schönsten Begriffe krepieren.

Zu den unerschütterlichen Voraussetzungen, die der Doktor hegte, gehörten seine Anschauungen über »das Weib.« Dieser Periode war das Weib etwas an sich, ein Typus, eine Summe von einigen Eigenschaften, die es dem Mann bequem und angenehm machten, und einigen andern, die als das Rätselvolle oder Launenhafte oder Unergründliche in Bausch und Bogen hingenommen wurden. Die Mühe, die Gesetze von Ursache und Wirkung, die man anfing auf Natur und Geschichte anzuwenden, auf das Weib auszudehnen, gab sich kein Mensch. Das Weib war eben reizend und tugendhaft und verständig oder es war das alles nicht. In jedem Falle war es ein der Leitung so dringend bedürftiges Geschöpf, daß es durchaus unter die Vormundschaft des Mannes gestellt und diesem die Verfügung über Besitz und Erwerb der Frau zuerkannt blieb. Das Weib war Mittel zum Zwecke »Mann« und an sich – das Urbild der Schwäche.

Doktor Rhode hing mit Zärtlichkeit an seiner Frau und war sogar durchaus das, was man einen Gemütsmenschen nennt. Aber wir haben unsere stärksten, zartesten und wärmsten Empfindungen doch immer nur auf dem Boden unserer allgemeinen Anschauungen. Und so sehr Rhode seine junge Frau liebte, – daß sie eine Person war, auf die er alle Rechte habe, physische, seelische, materielle, moralische, das war ihm doch über allen Zweifel erhaben. Und weil es ihm nebenher durchaus zweifellos war, daß sie eine ebenso tugendhafte als schöne und begabte Frau sei, und daß eine tugendhafte Frau für ihren Mann alles thue, ihm alles hingebe, weder Geheimnisse, noch Besitztitel, noch irgend etwas neben ihm habe noch haben wolle – begriff er auf einmal nicht, wie er so lange hatte zögern können, nach einer Hilfe zu greifen, die äußere, gesetzliche Mittel ihm ohnedies zuwiesen.

Und da mit einem Male holte er seinen Schlüsselbund und ein Brecheisen und ging völlig mit der heiteren Miene des guten Rechtes daran, die Klappe des Sekretärs zu öffnen. Es gelang mühelos, und ebenso leicht gaben das Schloß des Mittelverließes und das Vorhängeschlößchen an der Sparbüchse nach, aus der er mit einem Laut der Befreiung eine Handvoll Geld in die daneben stehende kleine Korbschwinge schüttete. Es waren übrigens zwei Dukaten und dreiunddreißig Thaler Silbergeld.

Eine Stunde später war das ersehnte Mikroskop in seinem Besitz.

Achtes Kapitel.

Den folgenden Tag erhielt Wanda einen Brief von ihrem Gatten, der sich von den bisherigen auffallend unterschied.

Der Doktor schrieb jede Woche zweimal: einen Bericht, wie es ihm ging, was für Krankheitsfälle er behandle, ob er gute oder schlechte Resultate bei seinen Patienten erzielt, Mitteilungen von kleinen Vorkommnissen in der Bekanntschaft, die sie etwa interessieren konnten, Fragen nach dem Befinden der Frauen und des Kindes und nach ihrer Lebensweise. Alles herzlich und humorvoll.

Dieser Brief hatte einen anderen Charakter. Er war von einer unruhevollen Zärtlichkeit, von Sehnsucht nach Frau und Kind erfüllt, die er zu lange und zu sehr entbehren müsse, von Sorge, ob es ihr nach den schönen, frohen Wochen im Gebirge in dem bescheidenen Heim auch wieder gefallen werde. Er enthielt außerdem eine tiefgründige Betrachtung über die Solidarität der ehelichen Interessen, ja über den sakramentalen Charakter der Ehe, der das Gebundensein der Geister und Herzen heilige und alles, was sonst unerlaubt oder verletzend sei, in ihrer Doppeleinheit gut und rein und gesegnet mache; eine Betrachtung, die doch nicht etwa nüchtern, sondern sogar von einem seltsamen Überschwang war. Es atmete etwas Gedrücktes und Leidenschaftliches zugleich aus dem Briefe; das Behagen des Humors fehlte ihm durchaus.

Er erregte seine Empfängerin, die ohnedies auf das stärkste bewegt war, noch mehr. Ihr Herz wurde von dem heftigsten Zwiespalt gefoltert. Pflichtgefühl und warme Anhänglichkeit an den Gatten rissen es nach der einen Seite, Sympathie und der poetische Rausch einer starken jungen Empfindung nach der andern. Abwechselnd warf sie sich bald dem einen, bald dem andern Gefühl in die Arme, den Schmerz dieser Zerrissenheit nicht mildernd durch irgendwelche Erwägungen, die befreiend hätten wirken können, sondern noch verschärfend mit der Kraft leidenschaftlicher und phantasievoller Naturen, jedes Gefühl auf die Spitze zu treiben, in der Ahnung von dem lyrisch Fruchtbaren solcher Sensationen. Denn es war ihr wunderbar und wonnevoll, seit sie einmal das Glück dichterischen Ausdrucks ihres Empfindens genossen, die Wallungen ihres Herzens in Versen auszusprechen, die sie nicht ihrem Heine und Lenau, sondern irgend einer Kraft in sich selber verdankte. Und obschon sie die merkwürdige, ihr zuerst geradezu unheimliche Erfahrung machte, daß die Leidenschaft für den Ausdruck so groß sein kann, daß dieser die eigenen Empfindungen derartig übertreibt, daß er anfängt, sie zur Unwahrheit zu machen nach irgendwelchem Gesetze der Steigerung oder des Wohlklanges, so kam es ihr doch gar nicht in den Sinn, Wendungen dieser Art herabstimmen zu wollen. Sie fühlte das dichterische Gesetz und verfuhr darnach.