Ihre poetische Spielerei sollte ihr eines Tages zur Verräterin werden. Madame Gernoth kam von einem Ausgange heim, als Wanda eben den Klang einiger Verse probierte. Sie ging dabei im Zimmer auf und ab, wiederholte eine Zeile mit einer kleinen Abänderung, kehrte zur ersten Form zurück und trug das Gereimte schließlich mit einer Art jauchzenden Pathos den Wänden vor:
Es folgte zwischen den beiden Frauen eine Scene voll von Zorn, Vorwürfen, Klagen und Leidenschaftsausbrüchen, deren Resultat aber doch war, daß Wanda versprach, dem Polen einen »handfesten« Brief zu schreiben, in dem sie ihn endgültig verabschiedete.
Dieser Brief kostete freilich noch ein paar böse Stunden, schließlich bereitete er Wanda aber sogar eine gewisse Genugthuung und zwar nicht nur wegen des tugendhaften Entschlusses, den sie damit besiegelte, sondern – wie sie nun einmal war – wegen der geistreichen schriftstellerischen Leistung, die er nebenher bedeutete.
Und eine zugleich moralische und briefschreiberische Leistung war auch die Antwort, die sie ihrem Manne zukommen ließ: ohne eine Unwahrheit zu sagen, verschwieg der Brief alles, was zu verschweigen gut that, beantwortete das ethische Pathos des Doktors mit einigen passenden Wendungen ernsten Stiles, die mehr beistimmender als eingehender Natur waren, und gab launige Schilderungen des Badelebens und Mitteilungen über das Kind, die dem Doktor Freude machen mußten.
Wanda durfte stolz sein auf diesen Sieg über sich selbst und die Klugheit ihrer Briefe, die sie sogar Frau Gernoth unterbreitete.
Bei der Genugthuung, die diese immer korrekte und in korrekter Pflichterfüllung zufriedene Dame über das Verhalten ihrer Tochter empfand, war es ihr nicht ganz verständlich, warum Wanda die letzten Salzbrunner Tage dennoch in einer ewig flackernden Unruhe, in einem beständigen Stimmungswechsel zubrachte, in einer quälerischen Zerfahrenheit, die Frau Florentine endlich die Abreise beschleunigen ließ.
Neuntes Kapitel.
Eine Eisenbahnfahrt war vor fünfzig Jahren kein Vergnügen. Die Bediensteten, selbst von oben her schlecht behandelt, waren von der Kulanz mittelalterlicher Steckenknechte und pflegten die engen »Coupees« mit Fahrgästen zu überstopfen. Die Ventilation wurde durch zugige Fenster besorgt; sich vor dem Tabaksrauch oder kleinen Kindern zu retten, war ein Ding der Unmöglichkeit, einen Schutz vor den Strahlen der die Wagen durchglühenden Sonne zu finden ebenso; Wartestuben und Perrons waren finster und zugig, die Zuganschlüsse äußerst mangelhaft. Nein, das Reisen war kein Vergnügen, und es war außerdem eine Fährlichkeit. Die Notizen über umgeworfene Postwagen und Eisenbahnunglücke gehörten zu den Dingen, auf die die Feinschmecker unter den Zeitungslesern mit soviel Sicherheit rechnen konnten, wie heute auf gestrandete Fahrräder und abstürzende Alpenfexe.
Doktor Rhode war nicht nur glücklich, die Seinen überhaupt endlich wieder zu haben, er atmete auch auf, sie heil dem Waggon entsteigen zu sehen. In dem flackernden Licht einiger Öllampen, die durch die Dunkelheit des Perrons ein paar unsichere helle Streifen sandten, und durchrüttelt von einer Postfahrt von zwei und einer Bahnfahrt von drei Stunden, war von den blühenden Farben auf Frau Wandas Wangen, die als das Resultat ihr Badekur gelten konnten, nicht viel zu merken. Aber sie war da, hatte leuchtendere Augen und frischere Lippen und war – ach! so unglaublich schön, schöner als je. Er jauchzte ihr ordentlich entgegen.