»Die legt' ich ins Schlafkabinett« –

»Ach dort!« und rannte hinaus.

Als sie aber an die Schwelle des Schlafzimmers kam, das von einer kleinen Nachtlampe weniger erhellt als mit großen fratzenhaften Schatten angefüllt war, blieb sie stehen. Denn wie gespenstisch überfielen sie auf einmal die Erinnerungen an die gräßlichsten Stunden ihres Lebens. Hier waren ihre drei Kinder geboren worden, hier zwei von ihnen unter Qualen und Zuckungen wieder gestorben.

Vor ihren Sinnen stieg all das Entsetzliche, all der Ekel, all die Pein dieser Stunden in grausamer Deutlichkeit auf. Wie gräßlich der langsame Verfall, das wochenlange Absterben eines reizenden, blühenden Kindes, das eine schleichende Krankheit befiel, bis es mehr einem runzeligen Greise als einem kleinen Kinde ähnlich war, wie gräßlich diese wächsernen, spinnenartigen Glieder, die sich in Krämpfen wanden, bis der Tod sie grauenvoll streckte. Ein halbes Jahr später eine neue Geburt, in der sie dreißig Stunden in Schmerz und Verzweiflung gerungen. Und im nächsten Jahre eine dritte, diesmal eines Kindes, das die beiden ersten weit an Kraft und Schönheit übertraf. Und ein paar Monate darauf der Tod dieses jungen Lebens, jäh, unerwartet, unter Zuckungen der blühende kleine Körper hingemordet von dem scheußlichen Würgengel Cholera.

Wie qualvoll deutlich sie sich all dessen an dieser Schwelle erinnerte! Wie deutlich der Dunst von Kamillenthee, Morphium, von hundert intensiven verletzenden Kranken- und Kinderstubengerüchen sich ihr erneuerte und sich mit der Erinnerung an gellendes Geschrei, Stöhnen und Wimmern vermischte. Wie deutlich das fahle Morgengrauen vor ihr aufstieg, das in den Dämmer der schmauchenden Lampe fiel und die Bilder des Todes beleuchtete, indessen ihr eine krasse Kälte die Glieder schüttelte und in ihrer Brust ein Gefühl war, als würde ihr das Herz darin mit Zangen herumgedreht und zerrissen.

Und das alles, alles sollte wieder sein! Wieder streckte Natur ihre Hände nach ihr aus, verführerische, trügerische Hände der Zärtlichkeit und des Verlangens, um sie zu packen, sie zu opfern, ihr Leib und Seele zu zerreißen! Ein Schauder ergriff sie, der ihren ganzen Körper schüttelte.

Wahrlich: Wanda Rhode hatte das Unglück, zu den Frauen zu gehören, deren Nerven ein zu gutes Gedächtnis haben, um sie vor allen Dingen zu Müttern zu qualifizieren.

Was hatte sie nur überhaupt hier gewollt? Ja so – dieses Glas, das sie Ewald mitgebracht – und für das die Sparbüchse die Groschen erst noch hergeben sollte, die Frau Gernoth ausgelegt – dieses Glas – – da in der Handtasche! So!

Sie wickelte es aus und ließ das kleine Licht der Nachtlampe einen Augenblick hineinfallen. Es war ein schönes Krystallglas, das den gelblichen Schein dort glänzend spiegelte, hier in leuchtend bunte Farben brach. Und in einer der Verknüpfungen der Vorstellungen in unserer Seele, die so schwach und zugleich so mächtig sind, fielen ihr die Zeilen ein:

»– und Glanz und Wonne
Umfluten strömend mich,
Ich habe Dich gefunden,
Und jauchzend lieb' ich Dich.«