Aber wir vergessen das manchmal für Augenblicke.

Da, in dieser Vision, die Wald und Berghang, Sonnenschein und junge Liebe vor ihr aufleben ließ, tauchten mit einem Male mitten zwischen geputzten Menschen diese blassen Mädchengestalten mit den traurig umflorten Augen und verwaschenen Wangen vor ihren Blicken auf, mit den festgeschlossenen Lippen, die sich gewöhnen müssen, die Enttäuschung, den Harm und die Sehnsucht zu verschweigen, die einzugestehen die Mißachtung verdoppelt hätte, mit der man den »Sitzengebliebenen« begegnete.

Ehelos durch das Leben gehen – nein, das war das Entsetzlichste. Das war noch entsetzlicher als Kinder gebären und wieder begraben. Das dünkte ihr so schrecklich, daß ein neues Grauen sie ergriff und ihre Seele dem unglücklichen Mann am Fenster wieder zukehrte. Welcher Mann wäre nicht aus dem Geliebten endlich der Vater ihrer Kinder geworden? Es war der Lauf der Natur so, die die Blüte um der Frucht willen zerstört, die verdirbt, um zu schaffen, und den sonderbare Schwärmer den Willen eines gütigen, gerechten und barmherzigen Gottes nennen!

Gleichviel: es war so.

»Ewald!«

»Wanda.«

Einen Augenblick sahen sie sich stumm verlegen in die Augen. Rhode blickte völlig verstört drein. Er trug so grenzenloses Verlangen nach ihr, grade, weil er sich schuldig vor ihr fühlte und Indemnität in ihrer Liebe finden wollte.

Und Wanda sah dieses bis zur Leidenschaft gesteigerte Verlangen neben ihr, in diesem Heiligtum von ehelichem Heim, in Beziehung gesetzt mit dem Leben, das nun einmal ihr Leben war und – ist es nun so, daß Liebe im menschlichen Gemüt überhaupt etwas für sich ist, eine subjektive Veranlagung, obschon sie mit allen Wurzeln in der Natur ruht, und daß neben diesem »für sich« das Objekt Nebensache sein kann – war es, daß speziell in Wanda Rhode's beweglicher Natur, der das Präsente immer eine Macht war, eine solche Möglichkeit zu raschem Wechsel gegeben war – als der Doktor sie mit Thränen der Qual und Erregung in den Augen anstarrte, geschah es, daß sie auf ihn zueilte und die Arme um den Hals des Mannes schlang, der sie leidenschaftlich umschloß. –

*

Äußerlich richtete sich ihr Leben wieder ein, wie es gewesen: Sprechstunden, Krankenbesuche, Bierhaus oder politisches Radaulokal – Hauswirtschaft, Pflege des Kindes, ein wenig Musik und Lektüre, Besuche bei Verwandten und Gevatterinnen. Dazwischen gemeinsame Mahlzeiten, ein Spaziergang, eine kleine Besprechung oder ein Scherz. Keine rechte geistige oder seelische Verschmelzung so wie im ersten Jahre ihrer Ehe, als eheliche Gemeinschaft nichts als diese Zärtlichkeiten, die schließlich mit zum Abhaspeln der Tagesgeschäfte gehörten und, weil sie nichts als Sinnenbefriedigung waren, der jungen Frau die gräßliche Auffassung der Ehe als einer legalisierten Prostitution und damit ihrem Denken einen frühzeitigen Cynismus gaben. Das ganze Beieinander übrigens glatt, flüchtig, freundlich, geschäftig, wie es eben kam.