»Geschniegelt? Ich dächte, er wäre bloß nicht grob oder ungeschliffen.«

»Das fehlte gerade noch!«

Rhode stand ein paar Schritte von ihr entfernt und betrachtete sie. Sie hielt den Kopf gesenkt und lächelte seltsam verlegen. Sie bereute, den Namen erwähnt zu haben, da der Doktor so wenig in der Stimmung war, ihre Beichte entgegenzunehmen, und dabei sah sie auf einmal mit unheimlicher Deutlichkeit grüne Berge, einen schattigen Laubengang und eine Gestalt, die sich auf sie zu bewegte und sie ansah. Die Mutter hatte recht gehabt, wenn sie ihr widerraten, den ominösen Namen vor Rhode zu erwähnen.

Aber es war geschehen! Und der Doktor, unruhig und mißtrauisch geworden, bemühte sich, ihr die Gedanken vom Gesicht zu lesen.

Was er las, beunruhigte ihn noch mehr. Aber da es so wenig greifbar war, wußte er nichts Rechtes dazu zu sagen, um so mehr, als sie plötzlich eine sehr harmlose Miene aufsteckte und von der Registratorin zu reden anfing.

In ihm aber war ein heftiges Verlangen lebendig geworden, ein moralisches Übergewicht zu erlangen, und sei es auf Kosten dieses »Burschen,« und so fing er mit einem Schwall von Beredsamkeit, der ihr Eindruck machen mußte, an, auf die Polen zu schimpfen. Auf die Modesentimentalität, die sich mit ihnen beschäftige, und die Eitelkeit, mit der sie sich darin gefielen, Gegenstand der Neugier und eines schwächlichen Mitleids zu sein; sie, die ein hilfreiches allerdings auch nicht verdienten! Er schenkte ihnen nichts: nicht die sprichwörtliche Verwirrung des Reichstages, noch die »polnische Wirtschaft,« noch den Mangel an einem eigentlichen Kern des Volkes, noch den an einer großen Litteratur, Kunst und Wissenschaft. Er zog Daten über Daten heran, das zu beweisen, mit der verhängnisvollen Gründlichkeit am unrechten Orte, der übertriebenen Autoritätssucht, die jeden Keim eines Widerspruches wie mit groben Schuhen zertreten möchte. Mit einem Pathos, in das seine Eifersucht und jenes dunkle Gefühl, das moralische Übergewicht zu gewinnen, hineinfluteten, donnerte der Doktor gegen ein Volk, um ein Individuum zu treffen.

Wanda hörte das alles schweigend an. Zuletzt schwieg der Doktor auch – es war ihm nicht recht wohl zu Mute, er hatte ein unklares Gefühl, ungeschickt gewesen zu sein.

Und das war er gewesen. Denn diese Gründlichkeit hatte etwas Lächerliches gehabt, und seine Maßlosigkeiten hatten Wanda dahin gebracht, Partei für die Angegriffenen zu nehmen, für die offiziell Angegriffenen und den, der dahinter stand.

Rhode hatte das Wort »unfähige Rasse« fallen lassen und von politischer Impotenz gesprochen. Was hatten denn diese Deutschen für politisches Geschick bewiesen, diese Deutschen, die fortwährend über ihr dreiunddreißigköpfiges Fürstentum und ihren Mangel an Einheit zeterten?

Und das war so charakteristisch für die Zeit, daß sie so dachte: »Diese Deutschen!« Das Interesse für Politik galt für unweiblich und lächerlich an einer Frau. Man hatte sich politisch der Frauen bis dahin immer nur erinnert, wenn es Opfer für das Vaterland galt. Warum hätte Wanda Rhode patriotisch sein, warum national empfinden sollen?