Es war wahrhaftig Zeit, daß sie der Mutter endlich ihre kleine Schuld abtrug.
Das kleine Clärchen jauchzte.
Während sie das Kind anzog, überlegte sie, welches von den teuern Stücken ihres Spargroschens sie umwechseln sollte, denn sie galten ihr alle einzeln. Es waren drei Sterbethaler (aus dem Todesjahre Friedrichs des Großen), zwei mit dem Bildnis seines Nachfolgers, ein Krönungsthaler Friedrich Wilhelms IV., eine Anzahl außerpreußische Stücke und einer mit dem Kopfe Friedrich Wilhelms III. und der Bezeichnung auf dem Revers: »Segen des Mannsfelder Bergbaues.« Den hatte sie als junges Mädchen von einer reichen Bäckerstochter bekommen, der sie ein paar Tragbänder für den Bräutigam gestickt mit Rosen und bronzenen Blättern auf himmelblauem Grunde. Zu albern! Die geizige Braut hatte ihr noch zwei Groschen abhandeln wollen für die mühsame Arbeit. »Billiger rechnen kann ich es Ihnen nicht, Mamsell,« hatte sie da gesagt, »aber wenn Sie zwei Groschen gern von mir geschenkt haben wollen« – da war das dicke Frauenzimmer rot und beschämt davongelaufen und hatte auf den ganzen »Segen des Mannsfelder Bergbaues« verzichtet.
Sie mußte noch jetzt darüber lachen.
So hatte jedes Stück seine Geschichte und war mühsam und sorgfältig zurückgelegt worden. Wie oft hätte sie sich gern einen besseren Hut, einen Schirm oder lange seidene Filethandschuhe angethan, aber nie hatte sie sich entschließen können, diese Ersparnisse anzugreifen. Es war nun einmal gar zu hübsch, einen kleinen Besitz zu haben und zu hüten, es bewahrte sie vor dem bettelhaften, unfreien Gefühl, das vermögenslose Frauen so oft haben im Verkennen des Umstandes, daß sie das Ihre redlich an Mann und Kindern verdienen.
Geld! Die es im Überfluß haben, dürfen es mißachten, wie wir die Luft nicht schätzen, die uns von allen Seiten zuströmt – dem, der es unter Mühen erworben hat, ist es das Leben selbst, Zeichen seiner Kraft, ein Stück metallgewordenes Ich, ein Talisman, ein Fetisch, ihm dennoch heilig, und in seiner Gesichertheit ein Zeichen der eigenen Unverletzlichkeit; und es ihm rauben, heißt ein kleiner Mord.
Das ist so banal, aber man vergißt es manchmal. Und nicht das Außergewöhnliche, sondern das Banale, das Selbstverständliche vergessen, ist verhängnisvoll.
Mit lächelnder Wichtigkeit, leise vor sich hersummend, schloß Wanda den Sekretär auf. Erst die abscheuliche Klappe, an der sich Clärchen bereits einmal ein Loch in den Kopf gestoßen, und dann das Thürchen des Mittelverließes. Sie warf einen Blick hinein: es stand und lag alles darin, wie sie es verlassen hatte, einige Päckchen Briefe sauber geordnet, das Kästchen mit den altmodischen Kleinodien, die leere Geldschwinge, ein Buch mit Familiendaten, die Patenbriefe der Kinder und die Sparbüchse.
»Schö–ner, grü–ner – schö– –«
»Meine Machen, meine Machen!« schrie das Kind, als es die Mutter plötzlich mit einem Schreckenslaute zurücktaumeln sah. »Ich Dir ein Gedichtel aufsagen, Machen! Es bicht und zuckt und verbutet, aber Du siehst es nicht!«