Hatte sie ihn überhaupt je mit ganzer Seele geliebt? War sie überhaupt die, als die er sie kannte? Hatte er jemals die letzten Tiefen ihrer Seele erforscht, sich nicht vielmehr, auch er, mit dem billigen Märchen von dem Rätselhaften, Geheimnisvollen, Launenhaften der weiblichen Natur begnügt? Hatte überhaupt je ein Mann die Eigenart des Weibes aus ihrer Stellung zu entwickeln gesucht und sich gefragt, in welcher Weise physische, soziale und individuelle Momente auf ihr Empfinden wirken, auf die Beständigkeit ihres Empfindens? Ist die Liebe irgend eines Menschen überhaupt etwas, wodurch er ein Besitzstück, wodurch er vogelfrei wird für den, dem sie gilt? Ist sie jemals eine Vollmacht ohne Grenzen? Ist die uns erwiesene Liebe etwas anderes als jene, die wir fühlen: schrankenloser Egoismus und schrankenlose Hingabe zugleich? Und heißt es nicht den Egoismus in ihr verletzen, wenn wir den Anspruch an die Hingabe aufs äußerste steigern?

Alle diese Fragen stellte er sich nicht. Er fragte nur: liebt sie mich denn nicht? Und eine namenlose Angst erfaßte ihn, daß die Antwort »Nein« sein könnte. Dieser Mann voll Geist und Gemüt hatte die ganze Gefühlsplumpheit, die man Wesen gegenüber hat, die man trotz leidenschaftlicher Zuneigung geringer schätzt als sich selbst.

Es war ein ungemütlicher Tag. Am Abend ging er nicht in seinen Klub, sondern blieb einmal wieder zu Hause und hielt ihr einen langen Vortrag, wie bedeutende Aufschlüsse er dem Mikroskop bereits verdanke, wie segenbringend für die ganze Menschheit seine Forschungen, von welcher Wichtigkeit sie für sein gelehrtes Ansehen und damit für ihrer aller Zukunft seien. Und schließlich sei sein Eingriff ja nur eine Art Zwangsanleihe gewesen und sie solle alles ersetzt erhalten.

Ob es gesetzmäßig sein gutes Recht gewesen sei, so zu handeln, fragte sie.

Ja, das sei es gewesen.

Sie antwortete nichts darauf.

Dann lachte sie und erzählte ein scherzhaftes Vorkommnis aus dem Hause; denn sie hatte gemerkt, daß er sie zur Besiegelung der Angelegenheit küssen wollte, und ihr graute vor seinen Küssen. Er war Thor genug, das nicht zu begreifen. Und da es noch nicht sehr spät war, nahm er doch noch seinen Hut und ging.

Auf der Straße dachte er, wie seltsam »das Weib« wäre und wie ein Mann niemals ganz hinter sein Empfinden käme, hinter das Rätselvolle und Sprunghafte ihres Wesens. – –

Inzwischen saß Wanda zu Hause mit einem Gefühl von Kälte in der Seele, als ob etwas darin abgestorben sei, das sich nicht wieder lebendig machen lasse.

Es heißt, daß jede Kränkung zu verzeihen göttlich ist, aber es giebt Kränkungen, die verzeihlich zu finden man ein Gott sein muß, wenn das Verzeihen nicht schimpflich sein soll. – –