In den nächsten Tagen glückte es Rhode, einer wichtigen wissenschaftlichen Thatsache auf die Spur zu kommen, und er war so erfüllt davon, daß er für Anderes kaum mehr Auge und Ohr hatte. In dem unendlichen Hochgefühl, von dem er sich dabei getragen fühlte, vergaß er sogar die Frage, die ihn so erschüttert hatte: ob seine Frau ihn denn noch liebe, vergaß er alles um sich her, alles, was sich als Recht und Pflicht, als Ursache und Wirkung im moralischen Leben an ihn herandrängte.

In seiner Studierstube eingeschlossen, rätselte er in fieberhafter Begier über dem Problem der organischen Zelle, in der bis zum Wahnsinn gesteigerten Einseitigkeit eines akuten Interesses, das mit dem Gotte neben sich ringt, schreiend: »Ich lasse Dich nicht, Du segnest mich denn.« Ein verhängnisvolles Stadium, aus dem der Doktor wohl auf Augenblicke in das wirkliche Leben zurückkehrte, aber um es sofort wieder zu verlassen. Dann fiel ihm etwa ein gequälter und feindseliger Zug in Wanda's Gesicht auf und er erinnerte sich, daß er ihr einen Verdruß im Dienste der Wissenschaft bereitet hatte. Aber opferte er nicht diesem idealen Dienste die Ruhe seiner Nächte, das Behagen seiner Tage, was hatten diese paar Groschen dagegen zu bedeuten!

Er vergaß bei diesem Exempel nur, daß seine Ideale nicht die ihren waren und daß sie ihr Teil an Opfer von Ruhe und Behagen in anderer Weise dem Leben schon reichlich gebracht. Nicht lange, meinte er, und sie würde das verwunden haben, eine so versatile, so elastische Natur! Und so klug, so – – so –

Er wußte nicht was – seine Gedanken packten den Gott schon wieder.

So verflatterte ihm der Konflikt.

In ihrer Seele aber blieb eine Wunde wie von einem Beilhiebe: es gab Gesetze, die dem Manne den Besitz seiner Frau auslieferten, Gesetze, die moralische Rechte mit bürgerlichen totschlugen. Und damit war ihre Achtung vor Recht, Gesetz und bürgerlicher Ordnung überhaupt erschüttert. – –

Einige Tage später schien sie dennoch alles verwunden zu haben. Der Doktor hielt gerade seine Morgensprechstunde ab, als er Wanda singen hörte. Sie brach freilich gleich wieder ab, da sie sich erinnern mochte, daß während dieser Zeit möglichst Ruhe gehalten werden mußte, aber es war doch ein Zeichen wiedergekehrten Frohsinns, das ihm sehr lieb war. Es hätte kaum etwas geben können, das geeigneter gewesen wäre, ihn zu beunruhigen, wenn er den Grund dieses Jubels geahnt hätte.

Wanda Rhode war gerade mit einer recht unangenehmen Arbeit beschäftigt: dem Einseifen von schmutziger Wäsche, das nach der Familientradition die Hausfrau selbst zu besorgen hatte, als ein dicker Brief an sie abgegeben wurde, dessen Aufschrift sie erröten ließ und dessen Umschlag sie mit zitternden Händen aufriß. Sie hatte Kreowski damals trotz allem Schmerze gegrollt, daß er abgereist war, ohne sich noch einmal sehen zu lassen, ohne auch nur eine Zeile zu senden. Sie hatte es ausdrücklich gewünscht, aber sie hätte noch lieber gewünscht, er möge ungehorsam sein. Was wollte er nun plötzlich von ihr?

Ah – Verse! Verse und Melodieen!

Jüngst schlug ich meine Lieb' aufs Haupt
Und thät sie still begraben –
Die Ruhe, die sie mir geraubt,
Die wollt' ich wieder haben.
Doch wie sie war drei Tage tot,
Ich bin über Feld gegangen,
Meine Liebe kam, war frisch und rot
Und küßte mich auf die Wangen.
Nun ging es über Berg und Thal,
Das war ein fröhlich Gewander,
Sie sprach zu mir: sterb ich einmal,
So sterben wir miteinander.
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Am Waldrand, dort wo die enge Welt
Von blühenden Hecken ist rings umstellt,
Dort unter den alten Rüstern,
Wo Gras und Blumen flüstern,
Möcht ich noch einmal Dir allein,
Wenn der ersten Sterne lichter Schein
Die Augen der Müden segnen,
Allein Dir noch einmal begegnen.
Und sähe die Dämm'rung um uns her
Umhüllen uns wie mit Schleiern schwer,
Sähe den Himmel sich dehnen
Und sähe doch nichts vor Thränen,
Und sähe nur Dich, nur Dich allein! –
Ach, einmal nach all der Entsagungspein,
Dem tödlich schweren Verwinden
Möcht' ich Dich wiederfinden.
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Wilder Tauben Schwarm von umwölktem Hügel,
Dunkelgrün bekränzt mit dem Schmuck der Wälder,
Hebt im Dämmerlicht der betauten Felder
Silberne Flügel.
Schweigend durch das Meer der erblauten Feuchte
Schwimmen sie dahin, über Hang und Klüfte,
Ziehn den raschen Flug durch der frühen Lüfte
Nebelgeleuchte.
Schwimmen morgenwärts, und es färbt ein Glühen
Horizontes Rand und die grüne Breite,
Färbt den lichten Strom und der ernsten Weite
Schweigendes Blühen.
Hei! wie stürzen da in den sel'gen Morgen
Silberflüglig sie, in das Glutgetauche,
Bis ihr Fittich still wie in Heimathauche
Ruhet geborgen.
Also ziehn zu Dir meine morgenfrühen
Träume, hin zu Dir von erwachtem Pfühle
Die Gedanken all, um aus Dämmerkühle
Dir zu erglühen.
Ach! Du spürst wohl nicht ihrer Flügel Kosen
Um die Schläfen Dir, Dir um Ohr und Wangen,
Oder ahnest Du ihres Flatterns Bangen,
Scheuchst Du die losen,
Daß sie müde ganz, ohne Willkomms Glück mir,
Wie von rauhem Fels, von umwölktem Hügel,
Traurig mit der Qual der erschöpften Flügel
Kehren zurück mir.
Stille! Jüngst noch kam mir in Jubelwogen
Ihr beglückter Schwarm, wie von Heimatklippen:
Lächelnd hattest Du sie an Brust und Lippen
Schmeichelnd gezogen.