Diese Verse waren zugleich in Musik gesetzt und die Kompositionen beigelegt.

Verbietet dem Auge, dem Lichte zuzujauchzen, wenn nach Regendunkel die Sonne durch das Gewölk herabbricht in Strahlen, unter denen die nassen Bäume in Schauern erzittern, der Strom sich in fließendes Gold verwandelt und die Lüfte im Dunste glühenden Hauches beben! Verbietet dem Ohre, das in schweigender Einöde gelauscht um einen, nur einen verwehten Ton der Ferne, sich zu berauschen an dem Zauber der Melodien, die ihn plötzlich jubelnd umbrausen! Verweigert dichterischem Sinn die Freude an Reim und Rhythmus, an der bilderreichen Sprache der Phantasie – und einem unruhigen, verschmachtenden Gemüt, das sich in der Enge kleiner Mühsale, in der Kälte eines verödeten Lebens verzehrt, sich zu berauschen am Klange der Leidenschaft und einer Sehnsucht, stark wie die eigene! Verbiete es, wer kann!

Ach, wie sie ihr zujauchzte, dieser in Feierkleidern und Blumenschmuck daherprangenden Liebe! Wie sie ihre Festschüsseln, ihre ambrosischen Schalen liebte! Wie sie diese ungekränkte, unverletzte Liebe liebte, die, eine stolze, gabenfrohe Königin, alles giebt, wonach das Gemüt schreit, eine milde Trösterin, die Wunden heilt, an denen das Herz verbluten will, eine jauchzende Genossin, die mit ihren Liedern jubelnd und schluchzend in der Seele ein Echo weckt, das sie verzehnfacht. – –

Doch still – während der Sprechstunde durfte nicht gesungen werden! Und sie verbiß ihr »Glück,« so gut es ging.

Ewald Rhode aber glaubte, als diese Sprechstunde vorüber und er von seinen Abscessen und Magengeschwüren in die kleine Welt neben sich zurückkehrte, da er nur Wandas Augen leuchten und ihre Wangen lächeln sah, daß neugeborene Zärtlichkeit für ihn ihre Pulse höher schlagen lasse. Er klopfte sie auf die Wangen und nannte sie seine verständige, brave, kleine Frau, die sich heiter in die intelligible Welt seiner Ideale gefunden habe.

Da lachte sie hell, laut – aus ihrer intelligiblen Welt heraus.

*

Etwa vierzehn Tage später ging Wanda nach angestrengtem Tagewerk noch gegen Abend ein Stück spazieren. Es war an einem der wundervollen Septembertage, da noch alles grün und sommerlich und doch die scharfe Glut gemildert ist, da es noch blüht und duftet, aber um Busch und Baum die Dämmerung schon frühe Schatten webt und die lebendigen Düfte sich mit dem Atem der Verwesung zu mischen beginnen, da die Sommerfäden zarten Silberhauch von Stamm zu Stamm ziehen, der Mond schon hoch steigt, die Nächte kühl sind und die Winde nicht mehr so warm.

Die Breslauer Promenaden besaßen damals noch keine Palmengruppen und Springbrunnen, keine Festons von wildem Weine und keine Teppichbeete. Nichts von Luxusbauten oder Denkmälern ragte auf den alten Bastionen, nichts von Konzert- und Biergärten füllte ihre schattenreichen Gänge mit Lärm und übeln Dünsten. Es gab sogar noch Gegenden, wo dichtes Gestrüpp von spanischer Weide, Haselgebüsch und Ligusterhecken, alles ungepflegt und unverschnitten, versteckte Wandelgänge einfaßten, wo das Gras in die Wege hineinwucherte und hohe Platanen sich über morsche Bänke wölbten, während unter dem steilabfallenden Hügel die Wellen der Oder brausend einem Wehr entstürzten.

Wanda Rhode, von schwankenden Empfindungen hin und her gerissen, eilte fliegenden Schrittes den Stadtgraben entlang, nach dichterischem Ausdruck ringend, der sie wenigstens für Augenblicke von der Qual des inneren Widerstreites befreit hätte und der sie doch nicht eher befreien konnte, als bis sie diese Qual so hoch in sich gesteigert, daß dem Ausdruck Kraft und Präzision geworden wäre. Ein starker, aber weicher Wind wehte ihr entgegen, ein Wind, der in den Wipfeln der Bäume wühlte, unruhig flatternde Wolken über die Sonne spannte und sie wieder mit fortführte, mit zitterndem Flügel ihre Wangen streifte und seine Lieder in langgezogenen Klagetönen sang. Gereimte Zwiesprache mit dem beflügelten Genossen ihres Weges gab ihr doppelten Schwung der Empfindung und das wundervolle Gefühl des Zusammenhanges mit der Natur und des Hinausstrebens über irdische Gebundenheit. Ihre Sehnsucht stieg auf mit den Lüften, breitete Arme nach dem Himmel und kehrte wieder zurück nach ihrem Herzen, alles in ihr löste sich in ungestümes Verlangen nach dem Unfaßbaren, Unnennbaren, das heute künstlerische Begeisterung, morgen Liebe, heute Glück, morgen heißester Schmerz, der Seele Flügel löst und sie zu sich emporreißt in einem Rausch, der zugleich Wunsch und Erfüllung ist.