Doch was war das? Welches Irdische eilte ihr entgegen? Da! – wo die Sonne goldigen Flor zwischen die Stämme wob – regte sich's dort nicht? Raschelte nicht ein Schritt im dürren Laube? Knickten nicht Zweige?
Schlug da nicht eine Flamme aus dem Boden und loderte vor ihr auf, ihre Brauen versengend? Zitterte nicht in ihrer Glut Himmel und Erde und ihr Herz?
Und lag sie – jetzt – wirklich jubelnd, schluchzend an einem andern Herzen?
Elftes Kapitel.
Die Tage kamen und gingen. Es wurde Herbst, es wurde Winter. Anfang Dezember machte Eduard Gernoth wieder einmal in der Stadt von sich reden. Es hieß, er müsse wegen politischer Umtriebe fliehen, wenn er nicht den Kopf verlieren wolle. Andere prophezeiten wenigstens eine längere Freiheitsstrafe. Eines Tages war er wirklich fort, kein Mensch wußte wohin.
Über diese Sache mit den Ihren zu sprechen, war Madame Gernoth zu Rhodes geeilt, wo sie das gleiche Bedürfnis fand. So hatten sie denn alle drei lange zusammengesessen, allerlei Vermutungen getauscht und unerfreuliche Schlüsse gezogen. Danach hatte man sich anderen Dingen zugekehrt, Rhode hatte lebhaft politisiert; die Wogen des Zusammenstoßes reaktionärer und demokratischer Bestrebungen gingen wieder sehr hoch und regten die Gemüter gewaltig auf. Madame Gernoth war nicht ohne Interesse dafür, aber Wanda machte nur ihre scherzhaften Glossen darüber, sie war wirklich unglaublich unpolitisch. Zuletzt wurde sie ganz ausgelassen, von einer krankhaften, krampfhaften Ausgelassenheit. Ihrer Mutter war dabei nicht recht wohl: Wandas Lustigkeit bei der Flucht ihres Vaters kam ihr unnatürlich vor und verletzte sie, obgleich ihr selbst der Mann nichts mehr galt. Ihre Tochter machte ihr überhaupt schweren Kummer. Sie war ihr einmal Abends mit Kreowski begegnet und hatte sie trotz dichtester Verschleierung erkannt. Als wenn eine Andere ihre Figur und ihre Bewegungen gehabt hätte! Später hatte sie sie zur Rede gestellt und Wanda hatte erst geleugnet, dann alles zugegeben. Dabei war dann die Sache mit dem erbrochenen Sekretär zur Sprache gekommen. Frau Gernoth hatte das alles mit einem Schmerz erfahren, der ihr fast das Herz versteinerte. Nicht zu zählen waren die schlaflosen Nächte, die die Kenntnis dieser Dinge ihr kostete. So, so hatte sich eine Ehe gestaltet, auf die sie die frohesten Erwartungen gesetzt! So suchte sich ihre Tochter zu helfen, zu trösten! Das war das Resultat ihres harten Entschlusses, Wanda dem Einfluß des Vaters zu entziehen, daß sie nun neben einem andern Manne alle Eigenschaften dieses Vaters entfaltete.
Aber indem sie gegen ihre Tochter Partei nahm, konnte sie deshalb noch keine für Rhode nehmen.
Der Mann hatte sich entwaffnet. Die Spargroschen aus der Mädchenzeit einer Frau, mühsam mit Stickereien beim Talglicht erworben, anzugreifen – pfui! Sie den Gefahren, die in ihrer Natur lagen, zu überlassen, sie gerade in ihren besten Eigenschaften, der ängstlichen Rechtschaffenheit, dem haushälterischen Sinn zu treffen – thöricht bis zur Verächtlichkeit! Und wenn sie hier auch nicht ganz gerecht war, da sie nichts ahnte von jener unpersönlichen Selbstsucht eines starken idealen Triebes, um so sicherer erkannte sie die Unwahrheit eines Solidaritätsgefühles, das einseitige Interessen solidarische nannte.
Wie häuslicher und geselliger Zwang so tausendmal im Leben seine Schleier über Abgründe breitet! Unter ernstem, ruhigem Gespräch, unter Plaudern und Scherzen – wieviel verheimlichtes Mißtrauen, wieviel verstecktes Schuldgefühl, wieviel übertünchte Lüge!
So auch hier.