»Gar nicht weit.«

»Und da hast Du ein Gedicht auf die Aussicht gemacht?«

»Na ja. Und ich glaube – es kommt mir so vor – als wäre es anders, als meine sonstigen Reimereien auf Tante Lottens Geburtstag und Vetter Hermanns Polterabend. Soll ich's Dir mal sagen?«

»Meinetwegen, sag es.«

Wanda Rhode sah sich um – rechts und links war niemand zu erblicken – breitete ihre Arme aus und fing an zu deklamieren:

»Was, du heller Sommertag
Streust du so voll Prunken
Hin auf Fluß und weite Flur
Deine goldnen Funken?!
Heller Reichtum überall,
Jauchzen und Erklingen,
Überall in Blühens Kraft
Seliges Durchdringen.
Und bist dennoch ach! wie arm
Noch im Überfluten,
Noch in deinen unerschöpft
Goldnen Sonnengluten.
Hab doch ich die Wälder grün
Alle rings ersonnen,
Ist doch meines Herzens Glut
Sonne licht entronnen.
Tönt von meinem Jubel doch
Baches Rauschen wieder,
Und in Busch und Baum sind mein
All die frohen Lieder.
Welt, du bist ein Abbild nur
Meiner Liebesfülle,
Blühst nur, daß in deinem Glanz
Sich mein Herz enthülle.
Blühst nur, weil in dir mein Glück
Blüte sich gefunden,
Welt, du seliges Gedicht
Frohbewegter Stunden.«

»Das ist ja ganz verrücktes Zeug! Du hast die Wälder ersonnen und die Vögel singen Deine Lieder? Nein höre, das ist doch zu abgeschmackt.«

»Es ist aber so.«

»Und was soll denn das heißen mit der Liebesfülle?«

»Das? Ja das weiß ich selbst nicht. Das sollte wohl heißen, daß mir das Herz so übervoll ist. Mutter, Mutter, ich könnte ja ganz laut schreien vor Vergnügen: so schön ist es hier, so gesund und so jung bin ich wieder und so glücklich! Und jetzt gehe ich um die Billets.«