»Wanda, laß' mir Dir etwas erzählen. Es war einmal ein Mann, der besaß einen köstlichen Diamanten, auf den war er über die Maßen stolz, steckte ihn in einen ledernen Beutel, den Beutel in die Tasche und zog seines Weges, Kiesel zu suchen. Wie er sich aber nach einem gar großen, blanken Kiesel bückte, fiel ihm der Beutel samt Kleinod hinaus, und er merkte es nicht. Da kam einer des Weges, der hob den Schatz auf und hätte ihn – beinahe – zu sich gesteckt, wenn der andere es nicht plötzlich gemerkt und ihm den Demant noch rechtzeitig entrissen hätte. Wanda – und war der Mann sehr dumm oder – sehr schlecht?«

»Sehr dumm.«

»Und wenn der Dumme fortan ein ganz, ganz kluger Mann sein will und sein Kleinod allezeit an seiner Brust hegen als das größte Gut und den einzigen Schmuck seines Lebens – Wanda?«

Sie schwieg und lächelte seltsam. Er dachte sich das so billig, so leicht. Glaubte er mit einer Parabel und ein paar Küssen, glaubte er mit einem Versprechen die Schuld jahrelanger Vernachlässigung, all' der egoistischen Rücksichtslosigkeit, die sich mit der Neigung eines Mannes zu verschmelzen weiß, vergessen zu machen? Es ist der Nachteil des Mannes in der Ehe, daß er zu wenig über sie nachdenkt, indes die Frau, der sie einziger Beruf ist, den Wert aller ihrer Beziehungen und Stimmungen, jedes Mißverständnisses, jedes schwebenden Wortes durchzudenken Gelegenheit nimmt. Oder vielleicht auch ist das sein Vorteil, diese größere Plumpheit des Empfindens.

»Warum lächelst Du so seltsam, so ironisch?« fragte er unsicher und von ihrem Schweigen verletzt.

Wanda Rhode nahm einen Streifen Papier, der auf dem Tische lag, wickelte ihn über die Finger und wieder ab und sagte dann:

»Diese Parabel, die Du da erzähltest, klang ja sehr schön und war gewiß ehrlich gemeint, schließlich – war sie doch nur Phrase. Denn jenem Manne mit dem Kleinod, das er fernerhin hüten und ehren will, wird diese gute Absicht nicht lange nützen. Bei nächster Gelegenheit werden ihm die Kiesel doch wieder als Brillanten gelten, und er wird sich nach ihnen bücken und den »Demant,« wie Du sagtest, vergessen. Wie denn keiner für seine Augen kann und alle Dinge den Wert haben, den unsere Augen ihnen geben.«

»Wage es immerhin noch einmal auf meine Augen!« bat er. »Versuche es noch einmal, mich ein bischen lieb zu haben, mich zu verstehen, Dich in meine Interessen einzuleben und so Nachsicht mit mir zu haben. Und Du wirst mir nie mehr verloren gehen, noch ich Dir.« Sie sah ihn an, der bittend die Hände nach ihr ausstreckte, und eine Rührung überkam sie, ein Zittern und Aufschluchzen. »Wanda!«

»Ach, es ist zu, zu gräßlich!«

»Was?«