Hinterher verwuchsen die Eindrücke mit dem Naturbild: sie — mitten unter den Schneesternen — das Weißeste, Feinste, was er je gesehen hatte. Was sie vom Meer und vom Schneefall gesagt hatte, war voll musikalischer Phantasie; zuletzt schwebte die ganze Gestalt in weicher Unbestimmtheit. Allmählich, während alle diese Eindrucksperlen vom Grunde seiner Seele aufstiegen, gerieten seine Sinne in wirren Liebestaumel. Sie war in diesen Zimmern; so oft eine Tür zum Vorsaal sich öffnete, gab es einen Widerhall in ihm; ging ein leichter Schritt über den Gang, so war sie es; er hatte fast ein Gefühl, als ginge es über ihn selber hinweg. Im Grunde fürchtete er sich davor, ihr wieder zu begegnen; da schwand wohl alles wieder in nichts zusammen. Jetzt war das Bild so schön. Und wirklich, so geschah es auch ... Als er fünf oder sechs Tage später von der Universität kam, begegnete er ihr und ihrer Schwester mit zwei kleinen Kindern. Es gingen viele Menschen auf dem Fußsteig zwischen ihnen, so daß er sie erst erkannte, als sie einander gegenüberstanden. Er grüßte; der "Nußkern" lächelte und grüßte auch; aber die andere wurde rot und vergaß zu grüßen, und jetzt sah sie nichts weniger als talentvoll aus. Er hielt sie an, erkundigte sich, wie ihnen der Abend bekommen sei, und begann ein Gespräch mit der Schwester. Die andere beugte sich über die Kinder, — zwei reizende kleine Mädchen, angezogen wie Puppen, das eine drei, das andere etwa vier Jahre alt. Er lud die Gesellschaft in die Konditorei ein, was nach einigem Schwanken angenommen wurde. Aber die junge Frau blickte nicht mehr auf, und im Lokal konnte er sie kaum dazu bewegen, sich zu setzen. In ihrer Verlegenheit und vor lauter Unruhe begann sie an den Kindern herumzubasteln, bis die Kleinen ungeduldig wurden. Er bot ihnen Wein und Kuchen an, aber sie wußte nicht, was sie nehmen sollte; zuletzt überließ sie die Wahl der Schwester. Ihr Gesicht war heute von einer Mütze mit Ohrenklappen eingerahmt, unter der die Stirn völlig verschwand, wodurch das Gesicht rund und nichtssagend wurde. Ihre Figur steckte in Kleidern, die ihr alle zu weit waren — später hörte er, daß sie von ihrer verstorbenen Schwester sie geerbt habe. Erst als er selber sich mit den Kindern beschäftigte, wozu er — als großer Kinderfreund — ein auffallendes Geschick hatte, kamen sie sich wieder näher; noch dazu unten auf dem Fußboden. Das Kleinste hatte sich mit dem Schlagsahnekuchen beschmiert, den die Frau in ihrer Ungeschicklichkeit für das Kind gewählt hatte, und als sie es, jedes mit seinem Taschentuch, abwischten, zerfloß sie im demütigen Gefühl ihres Vergehens und konnte nicht aufhören zu danken. Nun wollte die Kleine, die sich so wundervoll beschweint hatte, noch einen Kuchen von derselben Sorte, beileibe keinen andern, und Kallem war — obgleich er wußte, daß allzuviel nicht gut war für das Kind — natürlich völlig damit einverstanden. Aber er nahm es auf den Schoß, ließ sich eine Serviette geben und paßte auf, bis der letzte Bissen verspeist war. Die junge Frau stand daneben und ließ sich voll Demut belehren. Jetzt wollte die Kleine noch einen dritten Kuchen, und auch damit war Kallem einverstanden. Die Ältere, die bis dahin geduldig zugesehen hatte, wie ihre Schwester aß, wagte nun auch zu bitten; da nahm er sie auf sein zweites Knie und fütterte alle beide. Alle Teile amüsierten sich während dieser wichtigen Handlung, sogar Frau Ragni fand den Mut, zu lachen. Und wie gesagt, wenn sie lachte, war sie "süß". Die Erwachsenen tranken noch ein Glas Wein. Auf dem Heimweg trug Kallem das kleinste Mädelchen auf dem Arm. Sie waren bald dicke Freunde, er und die Kleine; ihre Stiefmutter war auf den Wein hin mutiger geworden und sagte: "Ist sie nicht süß, die kleine Juanita?" Sie reichte ihre Hand hinauf, und die Kleine patschte mit ihrem Fausthandschuh hinein; die junge Frau hielt ihn im Gehen eine Weile fest.

Kallem trug das Kind die Treppe hinauf und versäumte nicht, ihm sein Zimmer zu zeigen und beide einzuladen, ihn am nächsten Vormittag zu besuchen. Es war ein Sonntag. Gleich nach Tisch kaufte er Apfelsinen, Äpfel, Feigen und kandierte Früchte, um etwas zu haben, wenn sie kämen.

"Ist sie nicht süß, die kleine Juanita?" — mit ihrem leisen nordländischen Tonfall! Er setzte es in Musik und summte es vor sich hin, so oft er an sie dachte. Dann hörte er die Stimme, sah die Augen, wie sie zu dem Kind aufblickte, die ausgestreckte Hand. "Ist sie nicht süß, die kleine Juanita?" wurde eine Lieblingsstrophe, die er auch Rendalen lehrte; sie begrüßten sich damit abends beim Turnen. Aber daß sie verlegen geworden war, als sie ihn wiedersah — vielleicht, weil es heller Tag war —, das behielt Kallem für sich. Er erzählte, wie putzig sie gewesen war in ihren zu großen Kleidern, die aussahen, als seien sie für einen Backfisch gemacht, der noch wächst. Aber daß sie in der Konditorei unruhig geworden war, als er sie ansah, davon sagte er keinen Ton.

Die Kinder waren oft bei ihm. Er schenkte ihnen Apfelsinen und süße Früchte, lief vor ihnen auf den Händen und sprang über die Stühle, und sie waren unbändig vergnügt! Bloß das Mädchen verdarb ihm allen Spaß; er las in ihrem Lächeln nur zu deutlich: "Du bist ein Schelm! Du tust ja doch alles nur der Mutter wegen!"

Er war feig genug, ihr zu sagen, die Kinder dürften jetzt eine Zeitlang nicht mehr kommen. Es schnitt ihm ins Herz, als er am nächsten Abend hörte, wie die Ältere die Tür aufmachte und schon auf dem Korridor war, um zu ihm herüberzulaufen, und dann zu weinen anfing, als man sie zurückholte. Er klingelte nach dem Mädchen und befahl ihr, den Kindern den Rest von dem, was er für sie gekauft hatte, zu bringen. Sie nahm es. "Das ist aber zu viel!" sagte sie und sah ihn verschmitzt lächelnd an; prügeln hätte er sie können. Aber dann dachte er: "Zum Kuckuck auch, wenn sie doch Verdacht hat bei allem, was ich tue, dann können auch die Kinder wiederkommen!" Und am nächsten Abend holte er sie selber aus der Küche zu sich herein.

Eines Tags begegnete er der Schwester, die eben ausgehen wollte. Sie grüßte fröhlich und sagte: "Gut bekommen neulich?" "Denken Sie nur," fügte sie hinzu, "in ein paar Tagen reise ich nach Hause." Er meinte, da gehöre es sich doch, daß sie Abschied feierten, etwa in der Konditorei. Das fand sie auch, und sie verabredeten, sie wollten sich am nächsten Tag treffen, ganz wie neulich, auch die Kinder mit dabei, und alles sollte wiederholt werden. So geschah es auch. Frau Ragni war nicht ganz so verlegen wie das letzte Mal, er noch munterer, die Kinder ausgelassen. Die ganze Tollheit des Verliebten war über ihm, als sie voll Fröhlichkeit nach Hause zurückkehrten. Er tanzte, Juanita auf dem Kopf, voraus und lehrte die Schwestern singen: "Ist sie nicht süß, die kleine Juanita?"

Als die Schwester abreiste, kam er auf den Bahnhof. Eine Menge Verwandte und andere Menschen waren da, um Abschied zu nehmen. Beide Schwestern waren tief unglücklich, am unglücklichsten wohl die zurückbleibende. Sie weinte unaufhörlich, auch nachdem der Zug schon fort war. Einen Augenblick dachte er daran, sich zurückzuziehen und sie mit den Verwandten allein zu lassen; aber sie sagte: "Ach bitte, gehen Sie nicht!" Dabei wollte sie eigentlich gar nichts von ihm; sie ging neben ihm her wie neben den andern und weinte den ganzen Weg über; auch als die andern gegangen waren, und er und sie vor der Haustür standen, wußte sie nichts zu sagen, sondern ging ohne weiteres hinauf. Auf der Treppe fragte er, ob sie und die Kinder nicht ein bißchen mit ihm spazieren fahren wollten; das würde sie zerstreuen. Sie schüttelte nur den Kopf. "Aber morgen vielleicht?" fragte er ehrerbietig, während er ihr die Tür öffnete. Sie ging hinein, kam jedoch wieder zurück. "Danke, morgen vielleicht!" sagte sie, gab ihm die Hand und sah ihn mit ihren guten, tränenvollen Augen an.

Aus diesem tiefen Schmerz glaubte er schließen zu können, daß sie sich verlassen fühlte. Im Alltagsleben vielleicht nicht; denn da füllte sie die Zeit mit ihrer Phantasie aus; wenn aber etwas geschah, das sie aus dem Traum herausriß, so wachte sie auf, blickte um sich und fand sich einsam.

Am nächsten Tag saß sie mit den Kindern in einem Schlitten, den er selber fuhr. Nach der Fahrt ging er mit hinein zu Kule, der sich auf seine schwerfällige Art dafür bedankte, daß er so freundlich gegen die Kinder sei. Kallem ließ sich alle ihre Spielsachen zeigen, und Kule bat seine Frau, etwas Musik zu machen. Die Kinder wurden hinausgeschickt; er selber saß dabei und paffte aus einer langen Pfeife, die ihm seine Frau hatte stopfen sollen, was Kallem ihr jedoch abgenommen hatte. Heute sah Kallem auch zum erstenmal die Köchin, ein derbes, ältliches Mannsweib, deren nordländischer Singsang wie Vogelgeschrei über der Meeresbrandung klang. Sie war in der Küche und hatte zugleich Kule zu bedienen. Die Frau des Hauses widmete sich augenscheinlich nur ihren eigenen Angelegenheiten, d. h. den Kindern und ihrer Musik. Sie spielte in diesem Augenblick dasselbe russische Stück, das Kallem von seinem Zimmer aus gehört hatte; vielleicht noch besser. Nicht, daß er besonders aufmerksam zugehört hätte; er sah nur sie selbst an. Die obere Partie des Gesichts, das jetzt über Notenblatt und Tasten leuchtete, war eine ganz andere, als die, die er kannte. Das war wohl, was Rendalen gesehen hatte. Welche Entwicklung müßte sie erst durchmachen, damit auch die untere Hälfte dazu stimmte! Vor einigen Tagen hatte er einen Brief von einem Vetter aus Madison in Wiskonsin erhalten, der zum Professor an der dortigen Universität ernannt worden war; seine Frau, eine Norwegerin, studierte bei ihm. So etwas war nötig, um diese matte Wange und dieses schlaffe Kinn, den willenlosen Mund mit der spröden Haut auf den Lippen zu wecken und zu formen. Aber wie rührend war dabei diese ganze kindliche Unmündigkeit! Dicht daneben sah er die ungeheure Faust des Mannes auf der Stuhllehne — der ganze Kerl lag im Stuhl wie ein toter Flußgott in Hosen! Während des Spiels öffnete sich die Tür rechts, und herein trat ein drittes überlebensgroßes Nordlandwesen, eine alte Dame mit weißen Haaren, einem großen vollen Gesicht und einer Hornbrille. Das war die Tante. Sie war größer als Kallem und entsprechend stark. Die junge Frau kreuzte zwischen ihnen wie eine Lustjacht zwischen schwerbefrachteten Ozeandampfern. Eben blickte sie zu Kallem hin wie zu einem Vertrauten. Sie hatte ihm freilich nichts anvertraut; aber ihre gemeinsame Jugend fand sich zusammen gegen all das, was so unbegreiflich schwerfällig und hinderlich war. Seine Liebe verlangte ungeduldig, sie frei zu machen; daß er es nicht konnte, lastete wie eine Schwüle in der ganzen Stube. Es quälte ihn, dieses unfaßbare Verhältnis.

Der Eindruck, den er von dem Besuch mitnahm, störte ihn bei den Vorarbeiten zum Examen, die er bis zu diesem Tag regelmäßig betrieben hatte. Er entwarf die wildesten Pläne, ja, er schrieb sogar an seinen Vetter in Amerika und fragte an, ob sie geneigt seien, eine junge Dame bei sich aufzunehmen. Er vertraute sich Rendalen an, der anfänglich voll Ingrimm dagegen protestierte, sich aber später doch gewinnen ließ. Das Gefühl ihrer Verantwortung sich selbst gegenüber mußte geweckt werden; sie mußte die Gefahren eines fortgesetzten Zusammenlebens kennen lernen; vor allem mußte sie fort, weit fort, damit sie geistige Freiheit zu ihrer Entwicklung habe. Kallem wurde kraft dieser selbst übernommenen Fürsorge immer sicherer und seine Liebe immer mächtiger. Jede Begegnung mit ihr, wie kurz sie auch war, ja, nur ein Gruß auf der Straße oder im Korridor bestärkte ihn in dem Gefühl, daß sie ihm und keinem andern gehöre, und daß sie befreit werden müsse!