Und das alles, eh' er ein einziges Wort zu ihr selbst gesagt hatte.
Er war schon oft verliebt gewesen, hatte sich schon oft hingegeben, auch ohne es zu sein. Aber dieses zarte und unvollkommene, dieses begabte und verlassene Wesen begehrte er zu retten und zu formen; das lag in seiner Natur, und darum gab er sich mit ganzer Seele hin. Sie ihrerseits verlor mit jeder Begegnung ein bißchen von ihrer Scheu; es war, als vermöge er sie zu trösten über die Abreise der Schwester, ja, wenn er sich nicht täuschte, so war er ihr mehr als ein Ersatz. Ein untrügliches Zeichen hatte er jedenfalls. Er hatte ihr gesagt, daß er abends zu Hause bleibe, hauptsächlich, um sie spielen zu hören, und daß er immer einen Spalt seiner Tür öffne; und seitdem spielte sie jeden Abend, oft lange.
Wenn er ihr mit den Kindern begegnete und sie mit in die Konditorei nahm, hatte er die größte Lust, sich auszusprechen; aber ihr Wesen war nicht darnach. Besonders ihre Treuherzigkeit war im Wege; er durfte sie nicht erschrecken. Seine eigene Energie drängte zu einer Lösung; aber seine Liebe beugte sich vor ihrem Bedürfnis nach poetischem Spiel, bei dem die Liebe nicht bei Namen genannt wurde, und doch alles zu ihrer Bilderschrift wurde. Das gab dem Verhältnis eine Süßigkeit, der nichts, was er bisher kennen gelernt hatte, gleich kam.
Einen Abend in der Woche nahm sie teil an einer Art Privatkonzert, oder wie man es nennen wollte, das bei Verwandten ihres Mannes stattfand, denselben Leuten, wo sie damals getanzt hatte. Dazu verschaffte sich Kallem durch seinen Studiengenossen, ihren Neffen, Zutritt. Natürlich bloß, um sie nach Hause begleiten zu können. Es war um die Zeit der Schneeschmelze, und die Straßen waren voll Eis. Als er ihr sagte, daß er auch hinkäme, und bat, sie nach Hause bringen zu dürfen, — worüber sie sehr erfreut war — nahm sie als selbstverständlich an, daß er im Schlitten oder Wagen kommen werde.
Nach einem langen Abend mit zuviel Musik in zu engen Räumen brachen sie endlich auf. Sie zog rasch ihren Mantel an und eilte mit ihm hinaus. Draußen nahm er ihren Arm. "Das trifft sich gut," sagte er — "eben geht der Mond auf." Sie dachte, sie würden einen von den Schlitten nehmen, die da standen, oder den Wagen, der eben kam. Es war Glatteis gleich vor der Haustür, und sie stieß einen kleinen Schrei aus, schritt aber tapfer aus. Inzwischen fuhr ein Schlitten nach dem andern davon und zuletzt auch der Wagen. "Fahren wir nicht?" fragte sie. Der Schelm lachte; er habe es sich gerade so hübsch gedacht, zu gehen. Sie versuchte ihre Enttäuschung zu verbergen; aber nach einigen verzweifelten Versuchen bat sie ganz rührend, sie wollten doch fahren. Ihm fiel ein, wie ängstlich sie das erste Mal gewesen war, und unter Gewissensbissen versicherte er, sie würden nur bis zum nächsten Halteplatz gehen, der nicht weit entfernt war. Der Weg war nicht so besonders glatt, aber abschüssig; sie klammerte sich an seinen Arm, starrte geradeaus und stieß leise Schreie aus; etwas weiter wurde es schlimmer; die ganze Breite des Wegs war manchmal von Eis bedeckt, trotzdem auch hier einzelne sichere Stellen waren. Jetzt verlor er ein bißchen den Mut, besonders, da er sie nicht dazu bewegen konnte, zu schlittern. Etwas so Furchtsames war ihm doch noch nie vorgekommen. Natürlich ging es nur Schritt für Schritt vorwärts, mit vielen langen Pausen.
Die umliegenden Gärten und Felder waren teils nackt, teils mit Schnee oder Eis bedeckt; dorthinaus wollte sie. Aber er zeigte ihr, daß bald ein Haus, bald ein geschlossener Garten den Weg versperrte; es war nicht wie auf dem Lande. Die Felder sahen zerrissen aus, ebenso der Himmel. Lange Wolkenherden zogen durch das schwarze Blau dort oben, genau wie das Eis zwischen den kahlen Stellen hier unten lag. Der Mond schien in rasender Hast hinter den Wolken herzujagen, sie einzuholen, durch sie hindurch und weiter zu fahren. Da droben mußte ein Orkan toben; hier unten war es still. Kallem fühlte sich unglücklich und unsicher seines Fehlgriffs wegen. Das unstäte Licht über der Landschaft mit ihren zerrissenen Farben erhöhte diese Stimmung noch; ganz gewiß würde etwas Schlimmes geschehen. Und wie immer, wenn dieses Gefühl über ihn kam, zog jene Schreckensnacht aus seiner Kindheit mit allen Konsequenzen an seiner Seele vorüber. Sollte denn dies angstvolle Vorgefühl eigener Fehlgriffe sein ganzes Leben verfolgen? Er spannte alle seine Sinne an: sie durfte nicht hinfallen. Ohne ihre Hasenherzigkeit wären die Hügel eine einzige lustige Schlitterbahn gewesen; nun machte sie auch ihn ängstlich. Jede glatte Stelle wurde zu einer wirklichen Gefahr, und die Errettung aus der einen brachte nur eine neue Gefahr, in die sie gerieten. Sie sprachen nicht, sahen sich nicht an, beide ängstlich und ungeduldig. Minuten brauchten sie, wo Sekunden genügt hätten; der eine schob im Stillen die Schuld auf den andern, während sie kämpften, als gelte es das Leben. Nur ein atemloses: "O Gott!" oder "Nehmen Sie sich ja in acht hier!" oder ein hoffnungsloses: "Nein, es geht ja nicht!" und ein "Versuchen Sie's noch einmal! Kommen Sie!" Zuletzt nicht einmal mehr das. Sie mochte jammern, verzweifeln, beinahe weinen — er antwortete nicht mehr. Und so sehr war sie von ihrer Angst erfüllt, daß sie den Übergang nicht einmal merkte.
Da sahen sie in der Ferne die Rettung, nämlich zu beiden Seiten hohe Häuser, die Schutz boten gegen die Sonne, so daß der Schnee nicht geschmolzen war. Dorthin galt es zu kommen, dort war auch ganz in der Nähe ein Schlittenhalteplatz. Endlich war es geglückt. Sie blieb stehen, holte tief Atem und versuchte zu lachen; aber es ging nicht. "Wir wollen einen Augenblick stehen bleiben!" bat sie aufs neue tief aufatmend. Sie ließen einander los; weiter unten hörte man Schellengeklingel; beide lauschten. "Wenn nur nicht der letzte. Schlitten gerade wegfährt!" sagte sie. "Es ist spät." Sie nahm seinen Arm und sie gingen weiter. Ganz leicht war es auch hier nicht, der Schnee war festgetreten, aber auf dem Fußweg war gestreut. Sie gingen jetzt schneller und allmählich sicherer. "Gott sei Dank!" sagte sie erleichtert, als komme sie vom Eismeer zurück. Aber kaum hatte sie es gesagt, so lag sie auch schon am Boden. Sie waren an eine tückische Stelle geraten, wo ausgegossenes Wasser gefroren war und sich später mit einer Reifschicht überzogen hatte. Sie glitt aus und zwar gerade über einen seiner Füße, so daß auch er ausglitt und fiel — der eine über den andern. Er machte seinem übervollen Herzen in einem Fluch Luft und war sofort wieder auf den Beinen, um ihr zu helfen. Aber sie lag regungslos, mit geschlossenen Augen da.
Es überlief ihn eisig. Eine Gehirnerschütterung? Er hob sie auf und legte sie über sein Knie, zog mit den Zähnen seinen rechten Handschuh aus und machte ihr den Kragen auf. Ihr Arm hing herunter, ihr Gesicht war totenblaß. Er öffnete ihren Mantel, um ihr Luft zu schaffen. Jetzt rührte sie sich. "Ragni!" flüsterte er. "Ragni!" und beugte sich tiefer auf sie herab, "süße, süße Ragni! Verzeih mir!" Sie schlug die Augen auf. "Verzeih mir, hörst Du!" In ihren Wangen stieg die Röte auf, ihre Hand griff nach dem Mantel, der offen war; sie hatte es also gefühlt, nur in der Betäubung des Schreckens gelegen. Er konnte seine Freude nicht mehr zügeln, — er zog ihren Kopf zu sich empor und küßte sie ein-, zwei-, dreimal. "O Du — wie ich Dich liebe!" flüsterte er und küßte sie wieder. Sie wollte sich aufrichten; er merkte es, stand sofort auf und zog sie mit empor. Aber sie konnte nicht allein stehen, sondern taumelte, so daß er sie an den Gartenzaun gerade vor dem Hause lehnen mußte. Daran hielt sie sich und neigte sich darüber, als könne sie allein sich nicht tragen. Er ließ sie los, um zu sehen, ob sie sich aufrecht halten konnte; ja, es ging. "Ich laufe nach einem Wagen!" sagte er, und fort war er. Im Laufen fiel ihm ein, daß er das von Anfang an hätte tun können, dann hätte sich alles das vermeiden lassen. Ob noch ein Wagen zu haben war? Wenn nicht, so rannte er eben weiter. Wenn sie nur stehen konnte! Wenn nur niemand kam ... Er sprang, er glitschte, und als er einen Schlitten stehen sah, sprang er hinein und befahl dem Kutscher, draufloszufahren, was das Pferd nur laufen könne, ohne ihm zu sagen, wohin. Erst als dies erledigt war und der Schlitten davonsauste, kam ihm zum Bewußtsein, was er gesagt und getan hatte, während er sie in seinen Armen hielt. Es hatte wohl in ihm fortgetönt, aber jetzt erst brach es in voller Melodie hervor.
"Fahren Sie zu! Dort steht sie, dort rechts! Wir sind gefallen, und sie hat sich wehgetan. Ja, dort!" Er sprang heraus und eilte zu ihr hin, während der Kutscher umwendete und dicht heranfuhr. Sie lehnte noch immer am Zaun, aber jetzt halb mit dem Rücken und halb von der Seite. Den Mantel hatte sie wieder zugeknöpft und den Schleier herabgezogen. Als er kam, streckte sie die Hand aus, um sich zu stützen; er nahm sie, legte aber seinen andern Arm um ihren Leib, um sie vor sich herzuführen; er wollte nicht noch einmal riskieren, daß sie ihm ein Bein stelle. Es ging gut, er hob sie in den Schlitten, packte sie ein, bezahlte den Kutscher und nannte die Adresse. Sie bat ihn, nicht mitzufahren. Sie sagte nicht gute Nacht, sie blickte nicht auf. Und der Schlitten fuhr ab.
Er fühlte sofort — jetzt ging sie von ihm. — — —