Glücklicherweise ahnte er jedoch nichts und klingelte bei Rendalen, ganz erfüllt von dem, was er mitzuteilen hatte. Rendalen öffnete selbst, und zwar sofort; er stand zum Ausgehen gerüstet da, hatte den Hut auf und den Überzieher überm Arm und war aufs sorgfältigste gekleidet und geschniegelt. Kaum erblickte er Kallem, so warf er den Kopf zurück wie ein Pferd, das einen Feind vor sich sieht. "Du!" rief er. Kallem trat, aufs äußerste erstaunt, rasch ein. Rendalen machte die Tür zu, schloß sogar ab, und schleuderte Hut und Überzieher hin. "Zu Dir wollte ich eben!" zischte er. Er war ganz weiß zwischen seinen Sommersprossen, die schmalen Lippen waren zusammengepreßt, die grauen Augen sprühten. Und nun ballte er seine breiten, kurzen Hände, diese Hände eines Hünen, bis sie ganz weiß wurden. Sein aufrechtstehendes rotes Haar schien mit den Augen um die Wette Funken zu sprühen; die ungeheure persönliche Macht, die dem Mann eignete, beunruhigte und erschreckte Kallem. "Was zum Henker ist denn los?" Der andere antwortete in höchster Wut, aber doch gedämpft: "Tuft ist hier gewesen und hat mir alles erzählt. Aha! Jetzt wirst Du bleich!" Er kam noch dichter heran: "Sie war das Unschuldigste unter der Sonne — Du Schurke!" Seine Stimme zitterte.
"Na, hör mal!" sagte Kallem. Ihm wurde eiskalt. Der andere aber war ganz von Sinnen und unterbrach ihn: "Du meinst wohl, das ginge mich nichts an? Alle Menschen geht so etwas an! Und weißt Du, warum ich ausgezogen bin? Glaubst Du, ich hätte weniger Macht über ein Menschenkind als Du? Du feiger, verfluchter Schurke!" Gleich wilden Schreien entrangen sich die dickunterstrichenen Worte seinem wilden Sinn, obwohl sie noch leiser gesprochen waren als die vorhergehenden. Eine derartige Wut und ein derartiger Hohn wirken ansteckend.
"Na, na, nur nicht eifersüchtig werden, mein Junge!" rief Kallem. Wenn man eine Bütte mit Blut über ihn ausgegossen hätte, Rendalen hätte nicht röter werden können. Gleich darauf wurde er wieder weiß. Vergebens versuchte er zu sprechen, und da es ihm nicht gelang, so ging er geradenwegs auf Kallem zu, die Augen in seine gebohrt, daß sie tatsächlich brannten. "Ich hätte die größte Lust, Dich ... Dich zu schlagen!" brachte er nur heraus. "Bitte!" sagte Kallem und nahm Stellung. Kaum hatte er es voller Hohn herausgestoßen, als auch schon Rendalens rechte Hand niedersauste. Kallem bückte sich und stand unverletzt, mit spöttischer Miene da. Rendalen nahm einen zweiten Anlauf, Kallem wich abermals behende aus. "Bist Du denn ganz verrückt?" rief er, so laut er konnte.
Als wenn einer ihn von hinten gepackt hätte und festhielte, stand Rendalen plötzlich da, und nach und nach kam es über ihn wie eine Art Ohnmacht. Bleich, steif starrte er vor sich hin, bis er mit dem Aufgebot seiner ganzen Willenskraft vermochte, sich umzuwenden, langsam nach dem Fenster zu gehen und still, mit leerem Blick hinauszusehen. Sein Atem ging so heftig, daß Kallem glaubte, der Schlag müsse Rendalen treffen. Kallem selbst stand, ohne sich zu rühren, da; denn immerhin war er selber doch auch so wütend, daß er es nicht über sich brachte, zu ihm hinzugehen. Rendalen war ihm ein Rätsel — eben noch der wildeste Ausbruch von Leidenschaft, und jetzt wie gelähmt! Nichts als sein heftiges Atmen war zu hören. Und dabei dieses unglückliche Gesicht — so über alle Beschreibung unglücklich! Was in aller Welt bedeutete denn das? Er blickte auf den Freund, bis die alte Wärme für ihn wieder erwachte, und ohne weiteren Übergang trat auch er ans Fenster und stellte sich neben ihn. "Du brauchst es Dir nicht so zu Herzen zu nehmen", sagte er. "So schlimm, wie Du vielleicht glaubst, ist es nicht." Der andere antwortete nicht; vielleicht hörte er es nicht; er sah noch immer zum Fenster hinaus. Oder glaubte er ihm nicht — meinte, es sei Spott? Da lächelte Kallem ihn an — und dies Lächeln war nicht zu verkennen; es war gut und aufrichtig. In Rendalens Gesicht kam wieder Bewegung und Farbe; er wandte den Kopf. Voll froher Eile sagte Kallem: "Nicht ein Haar habe ich ihr gekrümmt, weiß Gott, alter Junge!" Rendalen begriff den Sinn der Worte nicht gleich; er vermochte nicht, das Ganze so plötzlich am andern Ende zu fassen. Aber als Kallem seinen Kopf noch dichter zu ihm hinüberbeugte und sagte: "Ich gebe Dir mein Ehrenwort — ich habe ihr nichts getan!" da jubelte es in Rendalen auf, und er schlang die Arme um des Freundes Hals.
Sie waren beide zu tief ergriffen, als daß das gegenseitige Vertrauen hinterher nicht unbedingt gewesen wäre. Rendalen erfuhr alles, genau, wie es zugegangen, wie in den beiden Menschen die Liebe erwacht war. Es machte einen tiefen Eindruck auf ihn, was er auch gar nicht verbergen wollte oder konnte. Kallem fragte nun offen, ob auch er sie liebe? Da aber wurde Rendalen wieder blaß und zornig, und Kallem war unglücklich über seine Unbedachtsamkeit; aber sie war nicht wieder gutzumachen. Das Gespräch stockte; Rendalens Augen wichen den seinen aus. Endlich, als er die Form gefunden hatte für das, was er antworten wollte, sagte er: "Ich habe kein Recht, zu lieben. Darum bin ich ausgezogen."
Es ging Kallem durch Mark und Bein. Rendalen hatte die Arme auf den Tisch gestützt, zwischen den Händen hielt er ein Buch, das er unaufhörlich hin- und herdrehte und von außen und innen besah. "In unserer Familie ist der Wahnsinn erblich ... durch lange Generationen. Mein Vater war geisteskrank. In mir — ja, Du kennst ja das Unbändige in mir ... ist es hart an der Grenze. Geradeso war mein Vater. Darum, als Du das sagtest ... Du weißt schon ... vom Verrücktsein ... das traf! Es sind die Worte meiner Mutter. Ich darf mir nicht nachgeben. Also auch nicht in der Liebe. Trotzdem hab' ich's nicht immer können. Nein — beichten kann ich nicht. Die Musik ist mein Betäubungsmittel. Aber hier hat auch sie mich im Stich gelassen. Wie auch schon früher." — Er legte das Buch weg, nahm ein anderes, legte es auf das erste und wirbelte beide auf dem Tisch herum. Da hörte er Kallem halb lachend sagen: "Und da hast Du mich zum Stellvertreter gewählt?" — "Was Teufel sollt' ich denn sonst machen? Ich hab' Dich für einen anständigen Kerl gehalten."
Am Nachmittag verfaßte Kallem im Schweiß seines Angesichtes einen Brief an den Apotheker, der ihm helfen sollte. Je mehr er schrieb, desto unmöglicher schien es ihm, dem alten Hagestolz und grilligen Naturforscher verständlich zu machen, was Liebe ist, und was für tiefe Not das Wesen litt, für das er um Hilfe bat. Er zerriß den Brief. Rasch entschlossen schrieb er seinem Vater. Dieser brauchte ja jetzt Ole Tuft nicht mehr zu unterstützen; ob er vielleicht einem andern helfen würde? Sein Vater war ein Sonderling, aber ein warmherziger Mensch, der alle Ungerechtigkeit haßte. Und etwas Ungerechteres als Ragnis selbstgewähltes Geschick kannte Kallem nicht; er war fast überzeugt, daß sein Vater dasselbe fühlen mußte. So erzählte er ihm denn von ihrer Liebe — ganz ohne Vorbehalt; er gelobte, wenn der Vater ihr helfen würde, so wolle er diesen Bund heilig halten. Von jetzt ab wolle er seine Studien ernsthafter betreiben als je; er wolle versuchen, das Höchste zu erreichen, was zu erreichen sei. Und wenn es auch seiner und ihrer Ausbildung wegen lange dauern würde, bis sie sich heiraten könnten — er wolle ebenso treulich auf sie warten, wie sie auf ihn; das sei sein feierliches Gelöbnis. Er hoffe, der Vater habe keinen Grund, zu glauben, daß er es brechen würde, sondern werde ihn vielmehr beim Wort nehmen und ihr helfen.
Und er hatte sich nicht getäuscht. Drei Tage darauf hatte er die telegraphische Antwort, daß alles nach seinem Wunsche geordnet sei, und daß das Nötige mit der ersten Post eintreffe. Mit diesem Siegestelegramm bewaffnet, begann er nun seinen und Rendalens gemeinschaftlichen Plan — sie zu seinem Vetter in Madison hinüberzuschaffen — ins Werk zu setzen. Er schrieb sogleich an den Vetter und bat um Kabelantwort: "Ja" oder "Nein".
Das Mädchen, das sich als Ragni völlig ergeben erwies, vermittelte ihre erste Zusammenkunft. Sie fand auf der Straße statt und außerhalb der Stadt, und war nur kurz; das Mädchen begleitete sie. Er teilte ihr sofort mit, um was es sich handle, wie alles geordnet werden könne, und wer dabei beteiligt sei. Sie erschrak so, daß er es für unmöglich hielt, weiter zu gehen. Unter keinen Umständen wollte sie die Kinder verlassen. Er war ganz verzweifelt nach dieser Begegnung und ging zu Rendalen, um ihm sein Herz auszuschütten. Dieser schlug sogleich vor, die Kinder zu seiner Mutter zu schicken; er würde ihr darüber schreiben. Als Kallem dies bei der nächsten Begegnung Ragni mitteilte, schien sie immerhin zu überlegen; sie gab demütig zu, so gut könne sie selber sie nicht erziehen. Aber immer, wenn sie an einem Tag so halbwegs auf etwas eingegangen war, nahm sie es am andern wieder zurück; jedesmal, wenn sie wieder mit den Kindern zusammengewesen war, erschien es ihr als Unmöglichkeit. Und da sie jedesmal dermaßen aufgeregt wurde, daß alle Vorübergehenden sie anstarrten, konnten sie sich nicht länger auf der Straße treffen. Nun kam kein anderer Ort in Frage als Rendalens oder seine Wohnung; aber Ragni war wieder so scheu geworden, daß er an ihrer Einwilligung zweifelte. Er bereitete sie in Briefen darauf vor und bat Marie, sie ebenfalls zu überreden und selbst mitzukommen. Hierauf waren sie ein paarmal ganz kurze Zeit auf seinem Zimmer, ein einziges Mal auch bei Rendalen zusammen; aber immer war es ein unbestimmtes Hin und Her. Nie wußte sie, was sie tun solle, und immer war sie voll Verzweiflung. Sie fürchtete sich auch vor der Reise selber. So ganz allein nach Amerika! Und von New-York allein nach Madison — das war noch das Allerschlimmste! Unmöglich, ganz unmöglich! Marie erbot sich, mitzugehen, und Kallem versprach, auch ihre Überfahrt zu bezahlen. Aber beide die Kinder verlassen — das konnten sie unter gar keinen Umständen; der bloße Gedanke schon war ein Unrecht! Marie mußte also bleiben, bis die Kinder gut versorgt waren.