Wenn sie selber wirklich reiste, so mußte sie an Bord gebracht werden, ohne daß jemand davon erfuhr. Also mußte das Nötigste für die Reise gekauft werden; das mußte selbstverständlich umsichtig vorbereitet werden. Hier erwartete er abermals Widerstand; aber so kindlich war sie noch, daß sie sich, noch ehe etwas Bestimmtes über die Reise selbst ausgemacht war, verführen ließ, die Reisegarderobe einzukaufen; das machte ihr Spaß. Wenn er nur einmal länger mit ihr hätte sprechen können, oder wenigstens eine Weile täglich; aber sie war vorsichtig bis aufs äußerste. So schrieb er denn ellenlange Briefe; zu antworten wagte sie nicht, da sie sich von der Tante und von der Köchin überwacht glaubte. Aber weil die Briefe mit aller Macht der Liebe zu ihr sprachen, und da sie auch alle List der Liebe anwandten, indem sie auf ihre Phantasie einzuwirken suchten, so richteten sie mehr aus als die Zusammenkünfte. Daß die Briefe an ihr Ziel gelangten, verdankten sie der schlauen Marie, die sowohl der Tante als der Nordlandköchin über war. Kallem lebte, solange diese Unterhandlungen andauerten und seine ganzen Kräfte in Spannung erhielten, für nichts anderes. Beharrlichkeit erhöht den Mut; und als endlich das Kabeltelegramm die Antwort "Ja" brachte, wagte er es, einen kühnen Plan zu entwerfen. Dieser bestand darin, bis zur nächsten Abfahrt des großen englischen Dampfers alles fertig zu machen, Ragni selbst kein Wort zu sagen, sondern sich nur zu vergewissern, daß sie an dem Tage einen Vorwand hatte, frühzeitig auszugehen und lange fortzubleiben, und endlich es so einzurichten, daß auch Marie frei war. Auf zwei Stunden vor der Abfahrt des Dampfers war Ragni in seine Wohnung bestellt; Gepäck und Billet waren längst dort.
Am bestimmten Tage und zur bestimmten Stunde kamen Marie und sie. Ragnis Gepäck war schon früh am Morgen an Bord gebracht worden, auch der Wagen, der sie abholen sollte, bestellt und bezahlt. Nichts im Zimmer erinnerte an eine Abreise; aber die Art, wie er sie empfing, erweckte in ihr die Furcht, daß etwas im Werke sei. Sonst war er immer sehr zurückhaltend gewesen, schon weil Marie dabei war; heute umarmte er Ragni mit all der Innigkeit, die er für sie empfand, und schien sie kaum lassen zu können. Sein Schmerz nahm keine Rücksicht und kannte keine Umwege mehr; er nahm ihre beiden Hände in seine, und Auge in Auge erzählte er ihr hastig, alles sei an Bord gebracht; in zwei Stunden gehe der Dampfer; und hier sei das Billet.
Sie begriff sofort: jetzt mußte sie wählen zwischen ihm und allem übrigen — ohne Bedenkzeit. Und das brachte ihm den Sieg. Erst stand sie in stummer Hilflosigkeit da; dann schmiegte sie sich still an ihn und verharrte so. Er küßte sie — wie zum Willkommen — sie hielten sich eng umschlungen und weinten. Das Mädchen sah draußen vor den Fenstern jemand vorbeikommen und ließ die Gardinen herunter; es wurde halbdunkel, und in diesem Halbdunkel hörten sie auch Marie im Nebenzimmer weinen. Ihre Umarmung ging endlich in ein Flüstern über, erst abgerissen, dann von gedämpftem Schluchzen begleitet, das verstummte und wiederkehrte wie Sordinespiel. Und das Flüstern sprach von dem Tag, an dem er ihr nachreisen würde, um sich nie wieder von ihr zu trennen; welch ein treuer Freund er ihr sein würde, und wie die Zukunft, die ihnen winke, wohl all dieser Opfer wert sei; wie ihre Briefe Tagebücher sein sollten — seine und ihre. Kurze, hastige Worte von grenzenloser Liebe — und all die Worte waren seine; von ihr nur das sordinierte Schluchzen.
Trotzdem die Stunde, die sie jetzt zusammen verlebten, die Abschiedsstunde war, so war es doch die erste Stunde ungestörter Hingabe, die sie verbrachten. Das Neue, das hierin lag, leuchtete so in den Schmerz hinein, daß er wie zu einem Sonnennebel um sie her ward. Ihr leises Schluchzen ging bald in Flüstern über; bei den ersten Worten, die sie sprach, wollte er sie ansehen; aber sie ließ es nicht zu. Wenn er ganz still sitzen und sie nicht ansehen wolle, so würde sie ihm etwas sagen. Er sei der weiße Pascha! Sie wollte nicht recht mit der Sprache heraus, was sie damit meine; das würde zu lang werden. Von Kind auf habe sie auf den weißen Pascha gewartet, d. h. seit ihres Vaters Tode; damals sei sie zwölf Jahr alt gewesen. Es sei ihr immer traurig ergangen, am traurigsten, als sie von Berlin heimgekommen sei und nicht den Mut gehabt habe, öffentlich zu spielen. Aber davon wolle sie auch nicht weiter erzählen; es würde zu lange dauern. Die ganze Zeit habe sie von dem weißen Pascha geträumt — wenn er doch nur kommen wolle! Daß er kommen würde, das wußte sie ganz sicher. Sogar als sie zu den "Walfischen" hinunterstieg, wußte sie, er würde ihr nachkommen; er fand schon den Weg. Einmal hatte sie geglaubt, Rendalen sei der weiße Pascha; aber da er's nicht war, mußte er ausziehen, damit der richtige kommen konnte. — Am ersten Abend hatten sie sich mitten in dem leisen Schneefall getroffen. Weshalb mußten sie sich gerade da treffen? Da hatte sie ihn angesehen und gedacht: ob er wohl der weiße Pascha sei? Das nächste Mal, als sie sich trafen, hatte er die kleine Juanita getragen; da war sie schon beinah sicher, daß dies keinem andern habe einfallen können. Aber dann war alles so überstürzt gekommen, und so ganz anders, als sie sich's gedacht hatte. — Er fragte, ebenfalls flüsternd, ob sie ihm nicht erzählen wolle, was sie damals, vor einem Jahr, veranlaßt habe, zu den "Walfischen" hinunterzusteigen. Ein Schauder durchflog sie bei seiner Frage. — Und trotzdem — obgleich sie verheiratet gewesen sei, habe sie noch immer auf den weißen Pascha warten können? — Mehr als je. — Ob sie denn nicht gewußt habe, was Ehe ist? — Sie schmiegte sich enger an ihn und schwieg.
Obgleich er nun bei dem angelangt war, was er am liebsten hätte wissen mögen, brach er dennoch ab.
Er erzählte ihr, es sei verabredet, daß Rendalen sie an Bord erwarte; dieser wolle gleichzeitig auf ein paar Tage nach Hause reisen und werde für sie sorgen. Sie standen beide auf.
Ob Kallem sie denn nicht aufs Schiff begleite? Er umfaßte sie, barg seinen Kopf an ihrer Brust und sagte, es sei besser, nicht. Das war das Schwerste. Einen Augenblick lang war sie ganz außer sich; sie setzten sich aufs neue und nun kam ein langes, aufreibendes Abschiednehmen. Marie stand wie auf Kohlen. Bis an den Wagen wollte er sie wenigstens begleiten. Aber Marie untersagte es ganz bestimmt; niemand dürfe sie zusammen sehen.
Er hörte den Wagen davonfahren, ohne ihn zu sehen, und in all den folgenden Jahren erschien ihm dieser Augenblick als das Grausamste, was er je durchgemacht hatte.
Er ging nicht hinunter, um das Schiff noch von fern zu sehen; erst nachmittags ging er zu der Stelle, wo es gelegen hatte.
Von dort machte er einen weiten Spaziergang, und zwar so, daß die Tante ihn sehen mußte. Damit verfolgte er eine bestimmte Absicht.