Das lenkte eine Zeitlang den Verdacht von ihm ab. Man konnte sich nicht denken, daß der Mann zurückblieb, der Ragnis Flucht ins Werk gesetzt hatte, um dessentwillen es geschah.

Jeder, der sich der Begebenheit erinnert, wird sich entsinnen, wie streng Ragni verurteilt wurde. Fremd, ohne Verkehr, scheu, hatte sie nur die Erinnerung an ein erotisch-gesangvolles Klavierspiel zurückgelassen; und das konnte sie hier nicht verteidigen. Vor einem Jahr hatte sie es übernommen, für die Kinder ihrer verstorbenen Schwester zu leben; und jetzt lief sie davon. Der blinde Mann, den sie geheiratet hatte, war ihre eigene Wahl gewesen; sie hatte keinerlei Beschwerden durch ihn gehabt.

Wenn sie es jetzt bereute — warum hatte sie es nicht gesagt? Weshalb sich so hinterlistig benehmen?

Für Kallem war es nicht leicht, das mitanzuhören; hatte er ihren Ruf zugrunde gerichtet? Schon jetzt nahmen alle als sicher an, daß sie ein Verhältnis mit einem andern gehabt habe; und die Stunde war nicht fern, da alle wissen würden, daß er der Schuldige war.

Eines Tages traf er die Kinder mit Marie vor der Universität, und beide steuerten sofort auf ihn zu. Was hätte er nicht darum gegeben, wenn Ragni lächelnd hinter ihnen hergekommen wäre! Natürlich nahm er die Kinder mit in die Konditorei und hörte, wie sie erzählten, daß "Mama" auf einem großen Schiff fortgereist sei; "Mama" komme aber zu Weihnachten wieder und bringe ihnen neue Kleider und neue Puppen mit.

Auf dem Tisch lag eine illustrierte Zeitschrift; Juanita kam auf den Einfall, alle Damen auf den Bildern seien "Mama"; wenn die ältere Schwester das bestritt, rückte sie bloß ihren kleinen Finger auf eine andere: "Das ist Mama."

Kallem hatte am selben Tage einer verunglückten Operation beigewohnt; infolge eines bösen Mißgeschicks hatte der Patient sich verblutet. Bei seiner gegenwärtigen Nervosität hatte das großen Eindruck auf ihn gemacht. Und als er die Kinder verlassen hatte und zum Mittagessen ging, kam es ihm vor, als sei er selber der unglückliche Operateur. Er hatte Ragni retten wollen, und hatte es nur schlimmer gemacht; jetzt verblutete ihr guter Name. Und das Gesellschaftsleben ist ein Gewebe von Muskeln, Sehnen und Adern ...

Einige Tage später saß er auf der Universitätsbibliothek und studierte in einem Kartenwerk, als plötzlich lächelnd und frisch Ole Tuft vor ihm stand. Er wisse nicht, wo Kallem jetzt wohne, und habe ihn darum hier aufgesucht. Kallem stand auf und setzte sich zu ihm.

Der Schwager hatte jetzt nichts mehr von Kallems Wildheit zu fürchten; Kallem hatte kein Verlangen mehr, ihn "halbtot" zu schlagen, nicht einmal mehr, ihn vorwurfsvoll anzusehen; er war sehr zufrieden, wenn Ole ihn nicht vorwurfsvoll ansah. Ole wußte wahrscheinlich, was bald alle, die der Sache näherstanden, erfahren mußten — daß Edvard Kallem der Sünder war, wußten es von Josefine, die es vom Vater gehört hatte. Oder irrte er sich? Versteckte sich hinter Oles Freundlichkeit nicht Zweifel, Verdacht an seiner vollen Ehrenhaftigkeit — die Prophezeiung, daß ein solcher Anfang nie zum Siege führen würde? War diese Herzlichkeit echte, ungemischte "Brüderlichkeit", verdünnt mit dem Gehorsam eines jungen Theologen gegen das Gebot: "Liebet alle Menschen"?

Ole war gekommen, um ihm mitzuteilen, daß er fertig sei und nach Hause zurückkehre; das Glück strahlte ihm aus den Augen. Er fragte, ob er Grüße bestellen solle, und erzählte, er habe Hoffnung, bald zu Amt und Würden zu gelangen. Er ließ durchblicken, was dann geschehen würde; der Weg lag gebahnt vor ihm, und seine Ziele waren zweifellos keine geringen. Der stattliche Bursch erregte Aufmerksamkeit bei allen, die in der Bibliothek aus- und eingingen.