Ohne den Sonnenschirm zu senken schritt sie nach der offenen Gartentür und weiter auf dem Weg nach der Stadt zu. "Wohin?" — "Zum Schiff, und zusehen!" rief der Junge, davonspringend. Ihr Nacken unter dem Hut, ihre Figur im Sonnenlicht, der Gang, die Farben ... der Pastor lag im Fenster, trommelte auf den Fenstersims und pfiff lautlos. Die warmen Augen flogen ihr nach, bis er sich mit einem kräftigen Aufstemmen aller fünf Finger von der Fensterbank erhob.
"— — Gott straft nicht, er erbarmt sich unser. Doch nicht wie ein Heerführer einen Waffenstillstand gewährt oder ein König eine Amnestie erläßt (nein, 'Amnestie', das verstehen vielleicht nicht alle; wie sag' ich gleich — Erlaß? ... Nein, das genügt nicht. 'Gnadenerlaß'! Also:) Doch nicht, wie ein Heerführer Waffenstillstand gewährt oder ein König einen Gnadenerlaß, ist die göttliche Rechtfertigung; nein, das widerspräche der Allheiligkeit Gottes. Die Rechtfertigung ist allerdings eine Gnade; aber sie ist auch eine Gerichtshandlung. Sie muß eine rechtliche Grundlage haben, d. h. den Forderungen des Gesetzes, die Gottes eigene sind, muß Genüge geschehen."
Eigentlich ist das doch sehr juristisch.
Der Pastor sah in das Heft, das aufgeschlagen auf dem Pult zwischen den zwei Fenstern lag; er verglich es mit dem, was er in der Hand hielt. Dabei hörte er das laute Getöse des Dampfers, der jetzt gerade auf der Bucht unten vorüberfuhr. Er mußte aus dem Fenster spähen, und die Folge davon war, daß er, ohne es zu wissen, sich behaglich hinauslehnte. Die Sonne schien auf das weiße Leinwanddach des Dampfers, die Schaumlinie zwischen Land und Insel war wie eine straffe Schnur; am Himmel kein Wolkenstreifen, so daß der Rauch sich vom freien Grund abhob; ebenso ungedämpft hörte man den Lärm. Der Pastor ließ den Blick vom Dampfer nach der Stadt, zum Strand, über die Bucht hin schweifen, bis zu den Bergen auf der andern Seite der Bucht; die ganz hinten, die blauen drüben waren noch nicht frei von Schnee. Das Getöse des Dampfers hallte über die weite Landschaft hin wie eine Predigt, die seine eigene ablöste. Ein bescheidener Duft aus dem Garten lenkte sein Auge vom Großen aufs Kleine. Das alles hatten er und Klein-Edvard miteinander geschafft, oder vielmehr, er hatte gearbeitet und der Kleine hatte sich unnütz gemacht. Der Pastor besah sich namentlich die Beete, auf denen bis jetzt noch nichts kam; dann die ersten, die schon ganz fertig waren und leider auch schon gejätet werden mußten. Dabei konnte Edvard auch helfen. Langweilig war es ja; aber er hatte sich nun einmal vorgenommen, in diesem Jahre solle kein anderer den Garten anrühren; außerdem war das Bücken gesund, da mischte sich die Galle mit dem Blut. Ohne es zu wollen dachte er daran, wie ihm seine Frau dann manchmal ein Glas Wein und ein Stückchen Kuchen brachte; es liegt in der Natur des Weibes, unsere Schwächen zu ahnen und schwach gegen sie zu sein. Er blickte hinüber auf den Weg, wo sie verschwunden war, und richtete sich straff in die Höhe:
"— — Den Forderungen des Gesetzes, die Gottes sind, muß Genüge geschehen. Könnte das durch den Sünder selbst geschehen, so wäre die Rechtfertigung keine Gnade; folglich muß es durch den Geist geschehen.
Aber auch diese Erfüllung des Gesetzes durch einen andern muß aus Gottes erlösender Gnade kommen, wenn sie nicht die Rechtfertigung (hu, wie juristisch!) aufheben soll. Und soll ferner diese neue Gnadenhandlung allen zugute kommen, so muß die Gesetzerfüllung für das ganze sündige Menschengeschlecht gelten. Einzig Gott selbst kann eine solche Erfüllung, einen solchen 'Vergleich', eine solche, 'Sühne' zustandebringen.
Für den Christen ist es eine Tatsache des Glaubens, daß diese Grundlage für eine Weltsühne, diese Auslösung der Schuld des ganzen Menschengeschlechts ein für allemal durch Jesum Christum geschaffen worden ist, und daß sie jedem einzelnen Sünder zugute kommen kann."
Der Pastor blickte auf. Wie weit wohl das Dampfschiff ...? Was, nirgends mehr? Er ging ans Fenster und blieb dort stehen. In einer geraden Linie schoß jetzt das Boot auf die Landspitze zu, die so weit hinausragte, daß sie fast bis an die Insel stieß. Das große Kirchdorf drüben rechts auf der Höhe, deren Ende die Landspitze bildete, schaute vom Hang herüber. Die Bucht lag dazwischen. Hof an Hof sonnte sich dort, grün und fruchtbar; stolze Besitztümer — das sah man an der Entfernung zwischen den einzelnen Gehöften. Die Seite des Hügels, die sich nach der Insel erstreckte, hatte die Form einer flachen Zange; und dort, durch den Sund, mußte das Dampfschiff in den großen Fjord verschwinden.
Dies dumpfe Dröhnen des Dampfers! Ist es nicht, als habe die Natur Sprache bekommen? Die ganze Landschaft, nicht nur ein Teil. Wenn z. B. über die ganze Landschaft eine Saite gespannt wäre, und ein Bogen striche darüber, dann müßte das klingen wie das Dröhnen des Dampfers. — —
Psst!