"— — Gott hat gewollt und bewirkt, daß ein Sünder gerechtfertigt werden kann durch Gottes Gnade, und zwar dadurch, daß Christus dem Gesetz Genüge getan hat. Christi Verdienst, Christi Gerechtigkeit haben die Schuld bezahlt. Jeder kann sich sozusagen sein Stück von der Gerechtigkeit abschneiden, die Christus für die Welt gewonnen hat. — Nein — das klingt vielleicht zu weltlich. Wenn es auch der Sinn ist."
Bald darauf lag er wieder im Fenster, breit auf beide Ellbogen gestützt, als wolle er überhaupt nicht mehr aufstehen. Er sah den Weg hinunter, auf dem Josefine mit dem Kleinen verschwunden war; er blickte über die Bucht weg nach der Insel, und dachte an das Inselkindchen, das dort drüben links spielte; von hier aus konnte er es nicht sehen, aber er wußte, daß es dort spiele, und wie niedlich es sei. Von den Bergen wieder geschwind zum Dampfer, der auf den Sund lossteuerte. Dort draußen hatte die Insel einen Waldhut auf, dem der Rauch des Dampfers eben einen Flor umlegte. Der Wind ging dort anscheinend in anderer Richtung? Nein, jetzt ging er auch hier in der gleichen. Um diese Zeit schlägt er so oft um. Jetzt duftete es nicht mehr vom Garten und von den Bäumen und Feldern herein; bald wird wohl ein Flügelschlag schwarze Streifen ins Wasser ritzen! Eine Dampfpfeife stöhnte und keuchte links unten an der Bucht; da ging ein Zug ab, oder ein Güterzug rangierte.
Wie still es sonst war! Er hörte in weiter Ferne ein paar Kinderstimmen, jede Schwingung darin. Ab und zu klopfte und hämmerte es in dem neuen Haus drunten an der Ecke der Strandstraße und des Wegs, der hier heraufführte. Es klang, wie es in leeren Räumen zu klingen pflegt. In der Ferne immer noch gedämpfte Staccatotöne des Dampfergedröhns. Das Haus, in dem er wohnte, lag frei, und diesem Umstand war es zu verdanken, daß er einen so weiten Blick und einen so hellhörigen Standort hatte. Aber wenn die Felder in Grundstücke parzelliert wurden, so war es damit vorbei.
Darüber verfiel er in Nachdenken; sollte er nicht selber aufkaufen? Er hätte es gern getan; aber Haus und Grundbesitz und alles, was sie hatten, gehörte seiner Frau. Der Rest seines eigenen kleinen Vermögens steckte in dem kleinen Haus mit Garten rechts nebenan, in dem seine Mutter wohnte.
Es hat mancherlei Vorteile, mit einer reichen Frau verheiratet zu sein, selbst wenn im Ehekontrakt steht, daß sie allein das Verfügungsrecht über ihr Vermögen hat; manche Bequemlichkeiten fallen ab, die das Leben freundlicher und die Arbeitsbedingungen leichter gestalten; es ist auch meist der Schlüssel zu einer gewissen Macht — namentlich für einen Pastor. Viel Gutes läßt sich damit tun, was andere sich versagen müssen, und das setzt sich um in Macht. Er hatte das empfunden, und hatte es mit Behagen empfunden. Das paßte ihm.
Aber. — Ja, alle "Aber" wurzeln in dem einen Punkt: wie die Frau ist, die über das Vermögen zu verfügen hat. "Aber wie nun die Gemeinde ist Christo Untertan —."
Psst! — Er begann wieder zu lesen, diesmal laut: "Die äußere Grundlage für die Rechtfertigung war also, daß Jesus dem Gesetz Genüge getan hat; die innere Bedingung ist, daß der Sünder das glaubt. Wie versöhnt auch Gott mit der Welt sein mag, er kann einzig dem Sünder seine Gnade schenken, der in Gemeinschaft steht mit Christus, 'weil er an ihn als seinen Erlöser glaubt'."
Das Heft sank; der Pastor wußte selber nicht, was er las. Denn die Stelle im Epheserbrief hielt seine Gedanken gefangen. Ist das Weib nicht Untertan in allen Dingen,... ja, dann sät eben der Umstand, daß die Frau das Verfügungsrecht über das Vermögen hat, eine Saat der Ungleichheit.
So tief war er hiervon überzeugt, so stark waren die Beweise, die er sich dafür zurechtlegte, daß er fern und nah nichts mehr sah und hörte, — es nur noch wie die Erzählung eines andern in sich aufnahm. Er trommelte auf die Fensterbank und blickte auf den Weg hinunter. Die beiden eben ausgekrochenen Schmetterlinge, die in endlosen Schwingungen sich über und unter seinem Fenster umkreisten, hatten keine Ahnung von all den Schwierigkeiten, die es mit sich bringt, wenn man ein Vermögen besitzt, über das man nicht verfügen kann. Etwas weiter drüben, hinter dem Schemel des Jungen, der seit ein paar Tagen vergessen dalag, läutete eine anmutige Declytera mit langem Blütenstengel voll roter Glöckchen zur Hochzeit — zur Hochzeit — ohne das geringste Verständnis für Epheser 5 Vers 24. Der Pastor übersah sie darum auch. Ja, nicht einmal Gärtner Nergaards Bienen, die jedenfalls dieses Jahr zum erstenmal hier oben waren (wahrhaftig! sie kannten den Weg wieder, seit der Wind umgeschlagen war und der Duft lockte!) — nicht einmal die Bienen hörte er, wie sie um die frischen Triebe hinter dem Haus surrten. Eheliche Kümmernisse im Sinne Epheser 5 Vers 24 ziehen einem eine Kappe über den Kopf, und wenn auch die Sonnenstrahlen aufs Haar brennen! Über das sanft abfallende Kirchdorf drüben zur Rechten mit seinen drei Schattierungen von Grün: Wiesen, Äcker und Wald, — glitten seine Augen so blind hin wie der Wind. Eben jetzt zog sich ein Streifen Schwarz über die Bucht, wie versuchsweise, — ein paar vereinzelte Furchen; er war mitten drin und sah es nicht. Irgendwo von oben muhte eine angepflockte Kuh sehnsuchtsvoll nach: Wasser — Wasser! Alles um ihn her ein Warten — und ungesehen ..., bis ein verzweifelter Kinderschrei die warme Blütenduftluft zerriß ... ein einziger, langgezogener Schrei. In diesem Schrei hörte er jede Schwingung; der packte ihn an der Brust wie eine erbarmungslose Hand. Er fuhr auf und stand mit angehaltenem Atem still und wartete auf den nächsten. Aber er kam nicht, der nächste ... es mußte schon beim ersten sich vollständig erschöpft haben ... nein! da gellte es wieder! War der erste Schrei verzweifelt gewesen, so war dieser die Todesangst selbst ... und wieder einer ... und noch einer! Der Pastor stand blaß — alle Sinne gespannt — da. Da erklangen von rechts rasche Schritte im Sand. Es war seine Mutter, die an dem Türchen zwischen den beiden Gärten zum Vorschein kam, eine alte, hagere Frau mit schwarzer Haube über dem schneeweißen Haar, das an den Wangen herabgekämmt war und einen steifen Rahmen um das vorsichtige, ein bißchen trockene Gesicht bildete.
"Nein!" stieß der Pastor hervor, "nein, Gott sei Dank, Edvard ist das nicht! Solches Getue leistet sich der nicht, wenn er weint! Mein Bengel macht kein solches Geschnörkel! Der heult schlankweg drauf los!"